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Auch SSA Global schwört auf Service-orientierte Architekturen

06.10.2005
Der ERP-Hersteller will sein Portfolio an Business-Software über Web-Services integrieren.

BERLIN (COMPUTERWOCHE) - Dank der Übernahme der Konkurrenten Peoplesoft und J.D. Edwards durch Oracle kann sich SSA Global nun als drittgrößter Lieferant für Business-Software hinter SAP und dem Datenbankspezialisten bezeichnen.

SSA Global hat sich auf mittelständische Kunden spezialisiert, und hier insbesondere auf die Fertigungs- und Prozessindustrie. Zur Nummer drei der Branche geworden ist der in Chicago beheimatete Hersteller durch zahlreiche Firmenaufkäufe, darunter die Akquisition von Baan. Zuletzt schluckte der ERP-Lieferant den amerikanischen CRM-Experten Epiphany.

Die große Zahl an Akquisition legt nahe, dass im Wesentlichen Zukäufe den Umsatz steigern. Doch nach Darstellung von Chairman, CEO und President Mike Greenough gehen die Zuwächse im Ende Juli abgeschlossenen Fiskaljahres durchaus auf organisches Wachstum zurück. "Ein Viertel unseres Umsatzes haben wir mit Neukunden erzielt", so der Firmenchef. Insgesamt habe das Produktgeschäft mit ERP-Lösungen um 22 Prozent zugelegt, das mit "Erweiterungen" um 62 Prozent. Die Firma nahm 712 Millionen Dollar ein, was einer Steigerung von zwölf Prozent entspricht; davon entfielen fast 30 Prozent auf Lizenzeinnahmen. Das durchschnittliche Auftragsvolumen liegt bei 100 000 Dollar.

Mit dem Begriff Erweiterungen meint Greenough beispielsweise Module für das Supply-Chain-Management, die SSA Global seit dem Kauf der Spezialisten EXE Technologies und Arzoon sowie des ERP-Lieferanten Baan im Programm hat.

Nach Aussage des Firmenlenkers würden von den SCM-Lösungen auch Käuferschichten angesprochen, die keine ERP-Lösungen von SSA Global nutzen. "Die Hälfte unserer SCM-Kunden hat einen ERP-Backbone, der auf SAP- oder Oracle-Produkten basiert", so Greenough.

Unter SCM subsumiert der Hersteller Komponenten für Warehouse Management, Transportwesen und Logistik. Vor allem wegen der Verlagerung von Fertigungsstätten in Billiglohnländer hätten Unternehmen verstärkten Bedarf an solchen Lösungen.

Was SSA Global in Sachen Produktentwicklung vorhat, legte das Management im Rahmen einer Kundenveranstaltung in Berlin dar. "Demand Driven Supply Networks" spielen dabei eine entscheidende Rolle. Gemeint sind Ende-zu-Ende-Lösungen, mit denen sich die Kundennachfrage (Demand) ermitteln beziehungsweise prognostizieren, für die Produktion erforderliche Artikel beschaffen und Lager optimal verwalten lassen.

Viele Kunden stehen laut Chief Technology Officer Cory Eaves vor der Aufgabe, die Nachfrage und die daraus resultierenden Aufträge genau zu spezifizieren, das Lagervolumen herunter zu fahren und Produkte markt- und fristgerecht auf die Straße zu bringen.

Zu helfen verspricht der Hersteller mit einem bunten Strauß an Lösungen, die über die vergangenen Jahre gekauft wurden. Den Kern bilden "SSA ERP LN", die Weiterentwicklung der Baan-Produkte, und der Nachfolger der "BPCS"-Lösung, "ERP LX". Ergänzt werden sie mit Software für SCM, CRM, Supplier Relationship Management, Financial Management, Product Lifecycle Management und Corporate Performance Management.

Das CRM-Angebot soll in den nächsten Monaten mit der Technik von Epiphany aufgewertet werden. Nicht zuletzt wegen seiner Erfahrung im Bereich Kundendatenanalyse hatte SSA Global diesen Anbieter gekauft.

Um die unterschiedlichen Systeme miteinander zu verknüpfen, hat SSA Global eine Infrastruktur aufgelegt, die den Konzepten einer Service-oriented Architecture (SOA) folgen. Die "SSA Open Architecture" soll es Firmen, die die aktuellen Versionen der Business-Software verwenden, ermöglichen, Geschäftsprozesse zu gestalten, die auf Web-Services aufsetzen. Diese Web-Services wiederum kapseln Funktionen der SSA-Programme.

Die Open Architecture setzt sich aus den Funktionsbausteinen "People-integrated Services" (Benutzerschnittstelle), "Decision Services" (Scorecards, Analyse und Reporting), "Business Process Services" (Anwendungsintegration und Business Process Management) sowie "Application Services" (Stammdatenverwaltung, Softwareentwicklung und Administration) zusammen. Die Ähnlichkeit mit SAPs "Netweaver"-Ansatz ist unverkennbar. Ähnlich wie die Walldorfer will SSA Global die Freigabe neuer Releases der Business-Software und der Infrastruktur aufeinander abstimmen. Benannt werden die Releases dann nach Jahreszahlen, also beispielsweise "SSA Open Architecture 2006".

Im Gegensatz zu Oracle und SAP entwickelt der Anbieter jedoch die Grundlage seiner Infrastruktur nicht selbst, sondern verwendet die Websphere-Plattform des Partners IBM. Dabei soll es auch bleiben, denn Eigenentwicklungen plant SSA Global nicht. Das gilt auch für die Decision Services, denn hier stammen die Analysewerkzeuge nicht von SSA selbst, sondern vom Kooperationspartner Cognos. BPEL-Tools (Business Process Execution Langage) zur Gestaltung von Web-Services-basierenden Geschäftsprozessen liefert Fujitsu.

Greenough wünscht sich eine engere Zusammenarbeit mit IBM (siehe auch "SSA Global hofft auf engere IBM-Partnerschaft"). Seiner Ansicht nach liegt das Interesse auf beiden Seiten: Hersteller wie SSA Global forcieren das Websphere-Geschäft von Big Blue, weil ERP-Käufer die Infrastruktur des Partners erwerben. IBM hatte vergleichbare Partnerschaften mit Siebel, Peoplesoft und J.D. Edwards geschlossen, doch die gehören inzwischen dem Middleware-Konkurrenten Oracle.

Gemein hat SSA Global mit SAP, dass viele Kunden noch mit alter Technik arbeiten, die die neuen SOA-Konzept noch in weite Ferne rücken. Die ehemaligen Baan-Kunden nutzen zum überwiegenden Teil das Release IV. Für sie bedeutet ein Upgrade auf das aktuelle Produkt ERP LN 6.1 praktisch eine Neuentwicklung. In Deutschland zählt der Hersteller 750 Kunden, darunter die Firma Gildemeister (siehe auch "Gildemeister plant weltweiten Einsatz von SSA-Software"). (fn)