Auch die IT-Branche versucht sich an der Normalität

Jan-Bernd Meyer betreut als leitender Redakteur Sonderpublikationen und -projekte der COMPUTERWOCHE. Auch für die im Auftrag der Deutschen Messe AG publizierten "CeBIT News" ist Meyer zuständig. Inhaltlich betreut er darüber hinaus Hardware- und Green-IT- bzw. Nachhaltigkeitsthemen sowie alles was mit politischen Hintergründen in der ITK-Szene zu tun hat.   
Zehn Tage nach dem terroristisch motivierten Anschlag auf das World Trade Center in New York und das Pentagon versuchen betroffene Firmen und deren Mitarbeiter, so etwas wie Normalität in ihre Tagesabläufe zu bringen und den Geschäftsbetrieb wieder aufzunehmen.

Die Kosten, um die IT-Infrastruktur im Financial District in New York wieder aufzubauen, dürften sich dabei allein auf etwa 15,8 Milliarden Dollar belaufen, errechnete Computer Economics. Bis die gesamte DV-Versorgung wiederhergestellt ist, vergehen rund zwei Jahre, prognostiziert die Beratungsfirma. Deren Vice President Research Michael Erbschloe erklärte die Berechnung mit der Einschätzung, dass etwa 100 000 Arbeitsplätze im World Trade Center sowie in den um die völlig zerstörten Zwillingstürme herum gruppierten und ebenfalls teilweise kollabierten Gebäude verwüstet wurden und an andere Orte verlegt werden müssen.

Computer Economics hatte die wesentlichen IT-Lieferanten und Serviceanbieter befragt, die momentan damit beschäftigt sind, in dem vom Terroranschlag betroffenen Süd-Manhattan wieder eine funktionierende Daten- und Sprachkommunikation aufzubauen. Allein die Personalkosten für diese rund 25000 IT- und Telecom-Servicemitarbeiter schätzt Erbschloe auf etwa 1,7 Milliarden Dollar. Die Kosten, um neue Hardware - also PCs, Server und Workstations - zu beschaffen, dürften sich auf rund 8,1 Milliarden Dollar belaufen. Die Aufwendungen für die Restaurierung der Telekommunikation und der Datenleitungen werden den Schätzungen zufolge mit rund sechs Milliarden Dollar zu Buche schlagen. Erbschloe geht davon aus, dass viele Datenzentren statt in Manhattan in anderen New Yorker Stadteilen oder in New Jersey wieder errichtet werden.

Nicht alle teilen diese Sicht der Dinge. John Gantz vom Marktforschungsinstitut International Data Corp. (IDC) etwa berechnet die Summe für die Erneuerung der IT-Infrastruktur auf lediglich 250 Millionen Dollar, wenig im Vergleich zu den 450 Milliarden Dollar, die jährlich weltweit für Hightech-Ausstattung ausgegeben werden. Maximal, prognostiziert Gantz, wachsen die Einnahmen im Technologiesektor dieses Jahr um drei Prozent. Die pessimistischsten Schätzungen waren bislang von einem Wachstum von etwa fünf Prozent ausgegangen.

Wieder anders sieht das Frank Dzubeck von Communications Network Architects. Der Berater rechnet allein die IT-Kosten bei der New Yorker Telefongesellschaft Verizon Communications auf 200 bis 250 Millionen Dollar hoch. Verizon machte keine Angaben zu den zu erwartenden Extraausgaben. Nicht überraschend kommt andererseits die Einschätzung der Unternehmensberater von Gartner, die glauben, dass in der Folge der blutigen Anschläge auf das World Trade Center und den Financial District insbesondere kleinere und mittelgroße Firmen zu der Erkenntnis gelangen, ihre Daten mit Backup-Systemen vor künftigen Katastrophen schützen zu müssen.

Derweil befürchten Experten, dass es in der IT-Branche zu einer weiter abgeschwächten Nachfrage kommen wird. Begründet wurde dies zum einen mit dem gestörten Flugbetrieb in den USA.

Eine Gruppe von Hackern mit dem Namen "The Dispatchers" und deren mutmaßlicher Anführer "The Rev" bereiten zudem nach einem Bericht von Govtech.com offensichtlich massive Distributed-Denial-of-Service-(DDoS-) Attacken gegen islamische Internet-Service-Provider (ISPs) vor. Hierbei handelt es sich um ein Vorgehen, das Hacker ähnlich schon bei Angriffen auf die Internet-Seiten von Ebay, Amazon und anderen Unternehmen im vergangenen Jahr inszeniert hatten. Um ihre Spuren zu verschleiern und gleichzeitig von möglichst vielen Seiten aus ihre Angriffe zu lancieren, dringen die Hacker zunächst mit Trojanischen Pferden in die Rechner von Internet-Benutzern ein, um von dort aus die eigentlichen Adressaten ihrer Attacken anzugehen. Die Ziel-Server werden dann so lange mit Anfragen konfrontiert, bis sie wegen Überlastung in die Knie gehen.

Die National Infrastructure Protection Agency (NIPC) des FBI hatte Unternehmen kurz nach den Terrorangriffen in New York und Washington davor gewarnt, es könne zu "politischem Hacktivismus" von selbsterklärten patriotischen Hackern kommen. Als Ziele haben diese Hacker sich mutmaßliche Verantwortliche für die Attacken in den USA auserkoren.

Der Chaos Computer Club (CCC) wandte sich derweil gegen in der Hacker-Szene kursierende Aufrufe, Web-Seiten und andere über das Internet erreichbare Kommunikationssysteme in islamischen Ländern und bei islamischen Organisationen zu zerstören. Die Welt lasse sich nicht in Gut und Böse teilen. Religionen seien zudem nicht geeignet, hierfür einen gültigen Maßstab zu etablieren. CCC-Sprecher Jens Ohlig sagte: "Wir glauben an die Macht der Kommunikation, die sich letztendlich immer als positiver und stärker gezeigt hat als Hass."

Gleichzeitig mehren sich die Stimmen derer, die jetzt eine strengere Überwachung aller Kommunikation im Internet befürworten. So sprach sich der republikanische Senator Judd Gregg dafür aus, Verschlüsselungssoftware weltweit zu verbieten, wenn sie nicht für die Sicherheitsbehörden ein Schlupfloch lasse. In Deutschland warnte der SPD-Internet-Experte Jörg Tauss davor, die Anschläge zum Anlass zu nehmen, "lang Geplantes umzusetzen". Man solle jetzt nicht in Hysterie verfallen.

Ganz unbegründet scheinen die Ausführungen von Tauss nicht zu sein. Sein Parteifreund und Bundesinnenminister Otto Schily räsonierte in der ARD-Sendung "Sabine Christiansen" vom vergangenen Sonntag schon einmal darüber, ob man in der BRD den Datenschutz nicht vielleicht etwas übertrieben habe. Bei geeigneter Nutzung der verfügbaren Daten hätte man die Attentäter, die mehrere der vier Flugzeuge entführt hatten und deren Spuren man bis nach Hamburg-Harburg zurückverfolgen konnte, vielleicht rechtzeitig dingfest machen können.

Im Gefolge der Attentate in den USA haben auch einige Profilierungssüchtige und Trittbrettfahrer versucht, einen Teil der Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und mit der Katastrophe Geschäfte zu machen. Der durch Computer-Hackereien zu Millionen gekommene Kim Schmitz etwa veröffentlichte auf seiner Internet-Seite einen Aufruf zur Ergreifung von Osama Bin Laden. Um seinem Anliegen eine besonders spektakuläre Note zu geben, garnierte Schmitz seine Offerte, indem er eine Belohnung in Höhe von zehn Millionen Dollar auslobte.

Kaum sein eigentliches Ziel kaschierend, annoncierte der Finanzdienstleister Amis in unübersehbaren Anzeigen in Tageszeitungen für sein Portfolioangebot. Amis-Manager Wolfgang Gänsdörfer hängte sich das Feigenblättchen "tiefer Betroffenheit" über den Terroranschlag um, bloß um dann zu argumentieren, der Absicht der Terroristen, die Wirtschaft zu schädigen, könne man durch eine sinnvolle Anlagestrategie durchaus begegnen.

Besonders frech gingen auch jene Unternehmen vor, die die Katastrophe nutzten, um sich per kostenpflichtige Faxabstimmungen an Bürger zu wenden. Diese sollten für eine Stimmabgabe gewonnen werden über die Frage, ob man einverstanden wäre, mit aller militärischen Macht gegen den Staat beziehungsweise die Hintermänner vorzugehen, die für die Terroranschläge verantwortlich sind. Absender war in diesem Fall die International Research Corp. (IRC). Das Antwortfax hätte 3,63 Mark pro Minute gekostet.