Der Ur-Nerd

Arte-Doku über genialen Code-Knacker Alan Turing

04.06.2014
Er sah schon in den 1940ern die künstliche Intelligenz kommen und wurde als Spinner abgetan. Er entwickelte IT-Technik, die den Zweiten Weltkrieg um zwei Jahre verkürzte. Und doch starb Alan Turing einsam.

Er ist der Stammvater der Nerds: Alan Turing (1912-1954) war einsamer Vordenker der modernen Computertechnik und ein stiller Held des Zweiten Weltkriegs. Das Leben des schwulen Einzelgängers, der seiner Zeit um Jahrzehnte voraus war, endete mit einem Sittenskandal, Zwangskastration, Selbstmord. Der wohl von ihm vergiftete angebissene Apfel auf dem Nachttisch soll das Apple-Logo inspriert haben, sagen manche. Näher wurde sein Tod nie aufgeklärt.

Gedenktafel an Turings Haus
Gedenktafel an Turings Haus
Foto: Joseph Birr-Pixton from en.wikipedia

Historiker meinen, dass Turings geniale Leistungen in der Decodierung von Wehrmachts-Nachrichten den Zweiten Weltkrieg um zwei Jahre verkürzt haben. Am Freitag (6.6.) - dem 70. Jahrestag der allierten Landung in der Normandie - sendet Arte um 21.10 Uhr die Doku "Wie ein Mathegenie Hitler knackte" - eine Hommage an den großen Briten, der 2013 offiziell von der Queen rehabilitiert wurde.

Turing ist schon als Cambridge-Student Einzelgänger. Er meidet es sogar, auf Schriften anderer aufzubauen, wenn er Probleme zu lösen hatte. Sein Blick auf Menschen ist sehr eigen. "Ich sehe die Menschen als ein rosafarbenes Gebilde mit charakteristischen Daten." Die Vorstellung von Körper und Geist als Maschine zieht sich durch seine Karriere. Das Erfinden geheimer Codes wird zu seinem Hobby.

"Turing war äußerst vielseitig und hat in verschiedenen Bereichen Großes geleistet", sagt Philosoph Jack Copeland von der Universität Canterbury in Neuseeland. "Er war Mathematiker, dann Codeknacker, dann Pionier der Computertechnologie, der sich schließlich der theoretischen Biologie zuwandte." Nur wenige Wissenschaftler des 20. Jahrhunderts könnten eine so große Bandbreite vorweisen.

Die Turing-Doku von Denis Van Waerebeke läuft am Freitagabend bei Arte.
Die Turing-Doku von Denis Van Waerebeke läuft am Freitagabend bei Arte.
Foto: Denis Van Waerebeke/The Pepin Press BV

Bestimmend für Turings Leben wird 1939 seine Einberufung in den Kampf gegen Nazi-Deutschland. Einen Tag nach dem Kriegseintritt Großbritanniens wird er nach Bletchley Park gerufen, einem hochgeheimen Treffpunkt der Geisteselite im Dienst der Streitkräfte. Unter den 30 Experten sind Archäologen, Linguisten, Schachmeister, sogar Spezialisten für Kreuzworträtsel, aber nur zwei Mathematiker. Britische Behörden sehen in dem Problem der Entschlüsselung der berühmten deutschen Enigma-Chiffriermaschine offenbar eher ein literarisches als ein mathematisches Problem, wie Dokufilmer Denis van Waerebeke anmerkt.

Turing meidet auch hier den Kontakt zu anderen. Er trägt im Sommer eine Gasmaske gegen den Heuschnupfen. Er geht wie besessen joggen. Das verschrobene Genie macht bahnbrechende Erfindungen, darunter die sogenannte Turing-Bombe, die tausende verschlüsselte Nachrichten der Deutschen knackt. In großer Stückzahl testen die Maschinen systematisch alle Möglichkeiten durch, die richtige Lösung zu finden. Bis zu 9000 Menschen sind am Projekt Entschlüsselung beteiligt. "Ich gehe davon aus, dass die Turing-Bombe der erste Schritt zu dem war, was wir heute künstliche Intelligenz nennen", sagt Copeland.

Turings Technik hilft den Alliierten maßgeblich, die Position deutscher U-Boote zu orten und die Attacken der Deutschen auf den Nachschub vorherzusehen. "Die Atlantikschlacht wurde natürlich nicht nur deswegen gewonnen, aber die Entschlüsselung war ein ausschlaggebendes Element", sagt Historiker Francois-Emmanuel Brézet.

Das Meisterstück der Techniker: Sie helfen mit beim sogenannten D-Day. Durch Vorspiegelung einer geplanten Invasion weiter östlich nahe Calais schwächen die Allierten Hitlers Truppenstärke. Doch Turing wird nicht als Held gefeiert, stattdessen gilt er als Risiko.

Schlimmer fast: Das Genie wird chronisch unterschätzt. 1945 zeichnet Turing Pläne, aus denen der erste moderne Computer hätte werden können - wenn das National Physical Laboratory ihm die nötigen Mittel bewilligt hätte. 1948 kündigt er Jahrzehnte im Voraus die Entwicklung der künstlichen Intelligenz und der neuronalen Netze an. Sein Direktor tut diese Überlegungen als "Arbeit auf Schülerniveau" ab. 1950 schreibt er eines der ersten Computerprogramme und das erste Schachprogramm. "Zeitverschwendung", sagen seine Kollegen.

Nach einer Affäre mit einem Mann wird Turing 1952 wegen Verstoßes gegen gute Sitten verurteilt. Chemische Kastration durch weibliche Hormone rettet ihn vor dem Gefängnis. Am 7. Juni 1954 wird Turing nach einem Suizid vergiftet in seinem Schlafzimmer gefunden.

Von ihm bleiben bemerkenswerte Sätze wie: "Wenn wir davon ausgehen, dass ein Gehirn beim Tier und vor allem beim Menschen im Grunde genommen nichts anderes ist als eine Maschine, dann müssen wir daraus folgern, dass ein Computer, der richtig programmiert ist, genau wie ein Gehirn funktioniert." (dpa/tc)