Arbeitgeber Staat wird in der Krise zur Alternative

15.04.2009
Von Anja Dilk  und Heike Littger 
Der öffentliche Dienst profitiert von der Wirtschaftskrise zumindest in einer Hinsicht: Für offene IT-Stellen melden sich wieder mehr Bewerber.

Arbeiten in einer Behörde? Da schütteln viele IT-Profis den Kopf. Christoph Schlimm kennt diese Skepsis. Er arbeitet beim Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung (BWB) in der Nachwuchswerbung. In seiner Verwaltung klopfen nur selten Ingenieure an. 300 Fachkräfte aus dem Bereich Informationstechnik/Elektronik fehlen derzeit im Bundesamt, das als zivile Verwaltung der Bundeswehr die Aufgabe hat, die Streitkräfte mit Material auszustatten – Flugzeuge, Schiffe, Lastwagen, Waffen. "Ingenieure und IT-Experten haben hier eine wichtige Schlüsselfunktion: Sie müssen der Industrie, die für uns neue Produkte entwickelt, technisch beschreiben, was wir brauchen", sagt Schlimm. Welche Klimazonen müssen die Displays aushalten? Auf welchen Weg sollen wie viele Daten sicher übermittelt werden? "Das Schöne dabei: Unsere Produkte müssen optimal funktionieren, aber wir müssen sie nicht vermarkten. Daher können wir extrem innovations- und entwicklungsorientiert vorgehen und mit Technologien arbeiten, zu denen es sonst auf dem Markt noch keine Erfahrungen gibt", wirbt Schlimm.

Vorurteile kleben wie Kleister

Das Bundesamt für Wehrtechnik ist keine Ausnahme. Längst beherbergt die öffentliche Verwaltung hochmoderne Institutionen, die auf IT-Experten dringend angewiesen sind: um Datenbanken und Netzwerke innerhalb der Behörden einzurichten und zu pflegen, um die Verwaltungen untereinander zu vernetzen, um die Software für den Einbürgerungstest zu erstellen, um biometrische Pässe oder elektronische Dienstausweise zu konzipieren. Doch das träge Image der Amtsstube klebt wie Kleister am öffentlichen Dienst: langweilige Aufgaben, Nine-to-five-Jobs, fernab des dynamischen Thrills internationaler Konzerne.

Andreas Engel kennt das Vorurteil. 20 Jahre lang hat der Professor Verwaltungsinformatik in Koblenz gelehrt. Heute leitet er das Amt für Informationsverarbeitung der Stadt Köln. Bereut hat er den "Sprung auf die andere Seite" nicht: "Es reizt mich, das praktisch umzusetzen, was ich theoretisch immer gedacht und gelehrt habe." Seine Erfahrung: "Gerade die Kommunalverwaltung ist flexibler, als viele denken. Wer gute Ideen hat und die Strukturen kennt, kann auch viel bewegen.‚Äù

Mehr Initiativbewerbungen

Die Einschätzung des ITK-Branchenverbands Bitkom – "ITler liebäugeln selbst in der momentanen Krisenzeit nicht mit dem Arbeitgeber Staat" – kann Engel nicht teilen: "Die Initiativbewerbungen haben in den vergangenen Monaten deutlich zugenommen." Während sich ältere Arbeitnehmer für ihre letzte Berufsphase häufig einen sicheren Arbeitsplatz mit weniger Mobilität wünschen, steht bei den jüngeren die Vereinbarkeit von Familie und Beruf im Vordergrund. So ist vor kurzem ein hoch qualifizierter Systemadministrator von einem großen Pharmaunternehmen zu ihm gewechselt. "Weil Nachwuchs anstand, wollte der Mann die Möglichkeit haben, für einige Monate in Elternzeit zu gehen und danach noch eine gewisse Phase in Teilzeit arbeiten. In der freien Wirtschaft ist das nach wie vor schwierig."

Zudem schätzen jüngere Bewerber die Weiterbildungsmöglichkeiten. Engels Mitarbeitern stehen berufsbegleitend gleich drei Optionen offen: für Berufseinsteiger eine Ausbildung zum Fachinformatiker oder alternativ ein duales Studium in Wirtschaftsinformatik mit Bachelor-Abschluss an der privaten Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch-Gladbach. Für ambitionierte IT-Kräfte im mittleren und gehobenen Dienst dient ein Bachelor- sowie Master-Studium als Sprungbrett nach oben.

Wo sich Informatiker austoben

"Know-how ist wichtig", sagt Engel. Behörden seien keine Auffangbecken für Mitarbeiter, denen Freizeit über alles gehe. Karl-Heinz Schneider sieht das ähnlich. Er ist seit knapp einem Jahr der oberste IT-Mann der Stadt München. Als langjähriger IT-Berater kennt er viele deutsche Unternehmen von innen. Sein Fazit: "Nur wenige haben eine ähnliche Vielfalt an Aufgaben zu bewältigen wie eine große Kommune. Informatiker können sich strategisch, planerisch und operativ austoben." Wenn sie denn über die nötigen technischen, betriebswirtschaftlichen, organisatorischen und menschlichen Fähigkeiten verfügen. "Der öffentliche Bereich befindet sich in einer Umbruchphase, er will effizienter und effektiver werden. Das erfordert automatisch eine höhere Professionalisierung bei den Mitarbeitern, sie müssen flexibel, neugierig, ja hungrig nach Austausch sein." Internationale Kooperationen und Meinungsaustausch gehören für den Münchner IT-Chef klar zum Geschäft.

Starre Tarifstrukturen

Einziger Haken: die IT-Gehälter. "Die müssten in der Tat stärker dem Markt angeglichen und leistungsorientiert ausgerichtet werden", räumt Schneider ein. So liegt das Einstiegsgehalt für einen diplomierten Wirtschaftsinformatiker ohne Berufserfahrung bei 2237 Euro. Nach 15 Jahren kann er, wenn alles gut läuft, mit 4589 Euro nach Hause gehen. "Das ist für die meisten ITler nur mäßig bis gar nicht interessant", sagt Stephan Pfisterer, Arbeitsmarktexperte beim Bitkom. "Sowohl das Einstiegsgehalt als auch die Gehaltsentwicklung sind in der freien Wirtschaft besser. Management-Gehälter mit 100.000 Euro pro Jahr sind im öffentlichen Dienst nicht zu realisieren." Von einer Anpassung seien die Behörden seiner Meinung nach noch weit entfernt. "Es wird viel diskutiert, aber die Tarifstrukturen sind noch zu starr."

Christoph Schlimm vom Bundesamt für Wehrtechnik sieht das freundlicher. Wenn skeptische Hochschulabsolventen im Bewerbungsgespräch die bescheidenen Gehälter ansprechen, zieht er gerne seine Netto-Brutto-Rechnung aus der Tasche. Ein 40-jähriger Baudirektor im höheren Dienst, verheiratet, zwei Kinder, kommt brutto zwar nur auf 55 000 Euro im Jahr, netto bleibt ihm aber genau so viel im Portemonnaie übrig wie seinem Kollegen in der Industrie mit 65 000 Euro: etwa 3400 Euro im Monat. "Das machen sich viele leider nicht klar", moniert Schlimm.

Pluspunkt Jobsicherheit

Matthias Menzel, Referatsleiter Personal im Bundesinnenministerium (BMI), weiß, dass das manchen Bewerbern noch nicht genug ist. Deshalb punktet er im Kampf um Kandidaten gerne mit Jobsicherheit und guten Arbeitsbedingungen, hoher Flexibilität, Telearbeit und Teilzeitmodellen, Familienfreundlichkeit, reichlich Fortbildungsangeboten und interessanten Kooperationen mit der Wirtschaft. Und mit inhaltlich reizvollen Aufgaben in seinem Ministerium: Knapp siebzig Prozent der BMI-Abteilungen arbeiten international, zum Beispiel wenn es um die Einführung von einheitlichen Standards zur Datenerhebung geht. Menzel: "IT-Experten finden bei uns eine hochmoderne Softwarelandschaft, die sie selbst kreativ mitgestalten können." Die Fülle von Argumenten scheint zu überzeugen: Die Zahl der IT-Profis im BMI ist in den vergangenen fünf Jahren um 25 Prozent gestiegen. (am)

Knackpunkt Gehalt

Wer als frisch diplomierter Wirtschaftsinformatiker in einer Behörde seine berufliche Laufbahn beginnt, muss sich mit einem Monatsgehalt von 2237 Euro begnügen. Vor allem am Anfang verdienen IT-Fachkräfte im öffentlichen Dienst schlecht. Mit zunehmendem Alter und verändertem Familienstand erhöhen sich aber die Bezüge. Zudem beeinflussen Eintrittsalter, Bundesland oder die Entfernung von der Wohnung das Gehalt.

Die Grenzen des finanziellen Aufstiegs sind schon mit dem Hochschulabschluss festgelegt. Mit Bachelor oder Fachhochschuldiplom findet man sich im gehobenen Dienst wieder (A 9 bis A 13 der Bundesbesoldungsordnung). Uni- und Masterabsolventen fangen dagegen im höheren Dienst an (A 13 bis in die B-Besoldungsgruppen).

Wer wie viel mit welchem Abschluss verdient, zeigen so genannte Besoldungsrechner im Internet an:

https://www.bva2.bund.de/rechner/ index.php;

http://oeffentlicher-dienst.info/beamte.

Damit locken Behörden

Zwei Drittel der Entscheider in Behörden rechnen für die nahe Zukunft mit Personalengpässen. Sechs von sieben Verwaltungen wollen dieser Entwicklung mit attraktiven Arbeitsbedingungen für die fast vier Millionen Beamten und Angestellten entgegenwirken. Das sind die Ergebnisse der Studie "Branchenkompass 2008 Public Services" von Steria Mummert Consulting in Zusammenarbeit mit dem F.A.Z.-Institut. Zusätzliche Aufstiegschancen, neue Leistungsanreize oder eine flexible Arbeitszeitgestaltung sollen helfen, um neue Mitarbeiter zu gewinnen. 42 Prozent der Behörden fördern speziell auch die Einstellung älterer Bewerber, um von deren Erfahrung zu profitieren, Kapazitätslücken zu schließen und den Altersmix in der Verwaltung zu verbessern.