Apple muss Topmann Ian Diery ziehen lassen

14.04.1995

Mit einer kompletten Reorganisation des Unternehmens hofft CEO Michael Spindler, das Kapitel John Sculley endgueltig zu schliessen und dem kalifornischen Unternehmen seinen Stempel aufzudruecken. Ausserdem will der deutsche Firmenchef Apple in eine erfolgstraechtigere Position beim Kampf um Marktanteile manoevrieren.

CW-Bericht, Jan-Bernd Meyer und Walter Mehl

Beim allgemeinen Stuehleruecken (siehe Kasten "Apple krempelt sich um") muss die Firma allerdings einen hohen Blutzoll zahlen: Ian Diery, ebenso charismatischer wie rauhbeiniger Spitzenmann, der fuer den wichtigen Geschaeftsbereich Personal Computer Systems verantwortlich zeichnete, wird Apple auf eigenen Wunsch verlassen.

Mit der Reorganisation will Spindler alle Kraefte auf die Schluesselsegmente Erziehung/ Bildung, Unterhaltung, private Haushalte sowie kommerzielle Taetigkeitsfelder konzentrieren.

In einer offiziellen Stellungnahme zur Demission des kantigen Managers meinte Spindler, Diery selbst habe am Konzept der Reorganisation mitgearbeitet, fuer sich aber entschieden, "dass die neue Struktur fuer ihn keine Position mehr liess, die seinen persoenlichen Zielen gerecht geworden waere".

Hintergrund der Demission duerfte allerdings auch sein, dass Apple 1994 im Vergleich zum Vorjahr erheblich an Marktanteilen verlor: Weltweit stellte sich der Verlust nach Dataquest mit 0,9 Prozent noch vergleichsweise undramatisch dar. In den USA stuerzten die Marktanteile der Mac-Firma laut Dataquest jedoch um 2,5 Prozent auf 11,6 Prozent. Nur die IBM musste noch herbere Anteilseinbussen hinnehmen.

Analysten fuehren Apples Markteinbruch darauf zurueck, dass das Topmanagement die Nachfrage nach den Power-Macintosh-Systemen falsch eingeschaetzt hat. Ausserdem hatte Diery seinerzeit zwar versprochen, Apple werde zukuenftig mit einer ausserordentlich aggressiven Preisgestaltung vor allem auch im Vergleich zu IBM- kompatiblen PCs aufwarten koennen. De facto zeigte sich aber, dass PC-Hersteller wie Vobis, Escom oder Packard Bell bei leistungsmaessig vergleichbaren Rechnern Apples Offerten immer noch um einige hundert Mark unterboten. Dies machte sich besonders im Weihnachtsgeschaeft bemerkbar.

Neben der Reorganisation - mit der im uebrigen laut der offiziellen Erklaerung keine Kuendigungen verbunden sein werden - will Apple zudem Zeichen bezueglich seiner Produktorientierung setzen.

In diesem Sinn sind die fuer den Sommer avisierten drei neuen Modellinien der Power-Macintosh-Rechnerfamilie zu verstehen. Sie werden erstmals die proprietaere Nubus-Bus-Architektur durch das in der PC-Welt gaengige PCI-Bus-System ersetzen.

Noch im April ergaenzt Apple darueber hinaus seine "Performa"-Reihe nicht nur durch 680x0-CISC-Rechner, sondern auch durch ein Power- PC-basiertes Tischmodell. Mit den drei "LC"-Modellen leiten die Kalifornier den endgueltigen Uebergang auf die RISC-Plattform ein (siehe Kasten "Apple nimmt Abschied ...", Seite 34). Waehrend die aelteren "Performa-630"-Rechner noch auf 68040-CISC-Prozessoren basierten, rechnet der Power-Macintosh "5200/75 LC" bereits mit der Power-PC-CPU "603".

Die drei LC-Modelle werden ausschliesslich Schulen und Universitaeten in den USA angeboten. Ob und wann die Rechner auch nach Deutschland kommen, stand bei Redaktionsschluss nicht fest.

Pieter Hartsook, Herausgeber des Branchenblattes "The Hartsook Letter", aeusserte zu den Verkaufschancen des Schul-Macs: "Ausstattung und Design der Geraete sind einzigartig. Im ersten Jahr lassen sich bestimmt eine Million Stueck verkaufen."

Die grosse Neuerung kommt aber erst bei der naechsten Generation von Power-Macintosh-Modellen: Apple setzt den bei PC-Systemen mittlerweile allgemein anerkannten Bus-Standard PCI erstmals auch in den Power-Macs der "Power-Surge"-Familie ein. Diese umfasst drei Modellreihen mit den Codenamen "Tsunami", "Nitro" und "TNT".

Die drei Maschinen sollen mit der Power-PC-CPU "604" arbeiten. Allerdings laufen sie nicht mit aelteren Mac-Betriebssystemen, sondern nur mit dem auf den PCI-Bus abgestimmten Update 7.5.2, Codename "Marconi". Der Wechsel von der Nubus- auf die PCI- Architektur erforderte nach Ansicht von Branchenanalyst Pieter Hartsook erhebliche Aenderungen am Mac-OS.

Vorteil der PCI-Bus-Architektur fuer Anwender: Viele Hersteller von Peripherieprodukten fuer die PC-Arena koennen nun auch in der Mac- Welt mitbieten, was die Preise etwa fuer Grafik-, Video- oder Beschleunigerkarten erheblich senken duerfte.

Erste Komponentenlieferanten wie Radius, Avid Technology, Asante Technology, Adaptec, Diamond Computer Systems, Second Wave und Farallon Computing kuendigten bereits an, Mac-PCI-Produkte bereitzustellen.

Apple nimmt Abschied von CISC-CPUs

Ganze 1700 Dollar verlangt Apple fuer den ersten Schul-Mac "Power- Macintosh 5200/75 LC" mit Power-PC-Prozessor "603".

Ab Werk sind im Power-Macintosh 5200 8 MB Arbeitsspeicher, eine 500-MB-Festplatte und ein CD-ROM-Laufwerk eingebaut (Double speed). Apple hat den 15-Zoll-Bildschirm, die Hauptplatine, zwei Lautsprecher und ein Mikrofon in einem Gehaeuse untergebracht. Ueber einen Nubus-Steckplatz laesst sich der 5200/75 LC zum Fernseher und Videorekorder ausbauen.

Die beiden anderen Rechner stattet Apple mit der traditionellen Motorola-CISC-CPU aus. Der "Macintosh LC 630 DOS Compatible" dient als Rechner fuer alle Betriebssysteme. In dem 1900 Dollar teuren System steckt Motorolas 68040-Prozessor (66 Megahertz) und ein gleich schneller 486DX2-Prozessor von Intel.

Damit stehe dem Benutzer laut Apple die ganze Welt der Mac-, DOS- und Windows-Programme offen. Selbst Windows 95 solle einmal auf dem Rechner lauffaehig sein. Ueber die eingebaute Open-Data-Link- Schnittstelle laesst sich der Kontakt zu Novell-Netzen mit IPX/SPX- oder TCP/IP-Protokoll herstellen.

Auch beim dritten Novizen, dem "Macintosh LC 580", sind Monitor und Rechner zu einer Einheit verschmolzen. Basis ist der 68040- Prozessor mit einer internen Taktfrequenz von 66 Megahertz. Dieser kooperiert unter anderem mit einem mindestens 8 MB grossen Arbeitsspeicher und einer 500-MB-Festplatte. Auch zwei Lautsprecher und ein Mikrofon gehoeren zur Ausstattung. Der Grundpreis wird bei 1200 Dollar liegen, mit eingebautem CD-ROM- Laufwerk werden 1350 Dollar faellig.

Apple krempelt sich um

Nicht mehr nach Produktgruppen wie bisher, sondern nach Aufgabenstellungen gliedert sich die Apple Computer Inc. zukuenftig. Aufgeloest wird damit auch die organisatorische Trennung in Hard- und Software-Bereiche.

- Marketing and Customer Solutions

Chef: Daniel Eilers

Die neugeschaffene Division soll sich auf Maerkte mit hohen Wachstumsraten konzentrieren. Hierzu zaehlen die Apple-Manager das Heim-Computer-Segment, die Ausbildungs- und Unterhaltungssparten sowie den kommerziellen Bereich. Auch Apples Software-Subdivision Claris, der Eilers bis zur Reorganisation als President und CEO vorstand, sowie Apples Online-Service-Abteilung Eworld sind dem Protege des Ex-Apple-Chefs John Sculley unterstellt. M&C verteilte sich vorher auf die Hardware- und Software-Organisationen.

- Sales and Customer Support

Chef: James Buckley fuer die USA, Marco Landi fuer Europa sowie John Floisand fuer den Bereich Pazifik

- Worldwide Research and Development Team

Chef: David Nagel

Nagel war bislang Topmann von Applesoft. Die firmeneigene Denkfabrik soll vor allem eine harmonisierte und abgestimmte Hard- und Softwarestrategie verwirklichen. Ausserdem faellt in Nagels Zustaendigkeitsbereich die Entwicklung von "Newton"-Systemen, eine Aufgabe, der sich bis dato die Advanced Technology Group widmete. Auch die F&E-Taetigkeiten waren sowohl im Bereich Hardware als auch in der Softwaredivision angesiedelt.

- Manufacturing and Distribution

Chef: Fred Forsyth

Die Produktion und Distribution soll sich weiterhin mit weltweiter Verantwortlichkeit um den Ausbau von Apples Vertriebskanaelen kuemmern. Diese Sektion gehoerte bis dato zum Hardwaresegment.