"Menthal"

App warnt vor Handy-Abhängigkeit

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Eine neue kostenlose App erlaubt es Android-Smartphone-Nutzern, ihren Umgang mit dem Handy zu messen - und das auch gleich noch im Dienste der Wissenschaft.

Laut einer Mitteilung haben Informatiker und Psychologen der Universität Bonn die App entwickelt. Wer sie installiert, kann etwa sehen, wie viel Zeit er täglich mit dem Android-Smartphone verbringt und welche Anwendungen er am häufigsten verwendet. Die wichtigsten Kerndaten werden (natürlich anonym!) an einen Server übermittelt, wo die Wissenschaftler sie auswerten. Die Forscher nutzen in der Vergangenheit bereits eine ähnliche Technik, um Depressionen frühzeitig zu erkennen.

Die "Menthal" benannte App setzt Android ab Version 4.0 (mit dem für das Nexus 5 aktuellen 4.4.2 gibt es aber offernbar derzeit ein paar Probleme) voraus. Man kann sie kostenlos aus dem Google Play Store oder direkt unter www.menthal.org herunterladen. "Wenn Sie eine digitale Diät machen wollen, dann stellen wir Ihnen dazu die Waage zur Verfügung", scherzt Alexander Markowetz, Juniorprofessor für Informatik an der Universität Bonn.

Menthal ist Teil eines größeren Forschungsvorhabens zur Untersuchung des Handygebrauchs. Die meisten Studien verlassen sich dazu bis jetzt auf Selbsteinschätzungen der Nutzer. "Menthal liefert zum ersten Mal belastbare Daten", sagt Markowetz. Die App könne detailliert zeigen, wie der durchschnittliche Mobiltelefonkonsum pro Tag ausfalle.

Alle zwölf Minuten

In einer noch unveröffentlichten Studie haben die Forscher sechs Wochen lang das Telefonverhalten von 50 Studierenden mit der Menthal-App untersucht. "Die Ergebnisse waren zum Teil erschreckend", sagt Christian Montag, Privatdozent für Psychologie an der Bonner Universität. Ein Viertel der Probanden nutzte das Smartphone mehr als zwei Stunden am Tag. Im Schnitt aktivierten die Studienteilnehmer ihr Mobiltelefon täglich 80 Mal - tagsüber durchschnittlich alle zwölf Minuten. Bei einigen Probanden fielen die Zahlen gar doppelt so hoch aus.

Der typische Nutzer telefonierte lediglich acht Minuten am Tag und schrieb 2,8 SMS. Der Hauptnutzen des Telefons lag dennoch in der Kommunikation: Mehr als die Hälfte der Zeit nutzten die Probanden Messenger oder tummelten sich in Sozialen Netzwerken. Alleine WhatsApp schlug mit 15 Prozent zu Buche, Facebook mit neun Prozent. Spiele brachten es auf 13 Prozent, wobei einige Probanden mehrere Stunden am Tag spielten.

Das Hauptinteresse der Bonner Forscher gilt dem problematischen Handygebrauch. "Wir wollen wissen, wie viel Mobiltelefon-Konsum normal ist und ab wann von einem Zuviel zu sprechen ist", erläutert Pychologe Montag. Das Nutzen eines Handys ähnele dem Umgang mit einem Glücksspielautomaten - deswegen werde das Telefon auch so oft angeschaltet.

Bei dieser möglichen neuen Sucht handele es sich noch nicht um eine offiziell anerkannte Erkrankung. "Dennoch wissen wir, dass der Umgang mit dem Mobiltelefon suchtähnliche Symptome hervorrufen kann", betont Montag. So könne ein übermäßiger Konsum zur Vernachlässigung von wichtigen täglichen Aufgaben oder des direkten sozialen Umfelds führen. "Bei Nichtnutzung kann es sogar zu regelrechten Entzugserscheinungen kommen."