Software via Internet nach Bedarf nutzen

App-Service Provider: Die Welle rollt nach Europa

30.07.1999
MÜNCHEN (ue) - Völlig neue Geschäftsbeziehungen zu den Anwendern versprechen sich IT-Hersteller und Systemintegratoren vom Application Service Providing (ASP). In den USA bereits aus den Startlöchern, ist das Outsourcing-verwandte Thema hierzulande allerdings noch weitgehend unbekannt.

Die Idee, Software nach Bedarf über das Internet zu nutzen, anstatt sie auf hauseigenen Rechnern vorzuhalten, ist nicht neu. Vor rund drei Jahren starteten Oracle, IBM und Sun ihre Network-Computing-Initiativen, um damit eine Ära einzuläuten, die Alternativen zu den Client-lastigen Applikationen etwa des Rivalen Microsoft bieten sollten.

Seitdem hat sich einiges geändert. Die Hersteller klassischer Client-Server-Lösungen haben ihre Frontends abgespeckt, um die am Server rezentralisierten Funktionen auch dem Browser eines Thin-Clients zugänglich zu machen.

Die ursprüngliche Absicht, mit Network-Computing "Software aus der Steckdose" anzubieten, hat sich bislang jedoch nicht durchgesetzt. Große Hoffnung setzt die Branche deshalb in das seit einigen Monaten aufkeimende Thema Application Service Providing: Damit könnte erstmals ein lukratives Geschäftsmodell entstehen, das den Markt für mietbare und via Web-Browser erreichbare Software belebt.

Als besonders experimentierfreudig auf diesem Gebiet erweisen sich bereits die Amerikaner. So meldet die Intuit Inc., Anbieter von persönlichen Finanzplanern, daß inzwischen knapp 400000 US-Bürger die auf der Website des Herstellers angebotenen Funktionen für ihre Steuererklärung 1998 genutzt haben, anstatt sich die Software "Turbotax" zu kaufen. Ein Beispiel aus der Unternehmens-IT liefert die Employease Inc. aus Atlanta, bei der sich regelmäßig über 100000 Anwender einloggen, um die dort angebotene Lösung für das Personalwesen zu nutzen. Pro User wird eine monatliche Gebühr von drei bis vier Dollar abgerechnet.

Beide Fälle deuten nur die Spitze eines in den nächsten Jahren voraussichtlich gigantisch wachsenden Eisbergs an. Ob Baan, IBM Global Services oder Oracle - in den USA ziehen derzeit nahezu alle namhaften Anbieter mit Internet-Strategie ein Rechenzentrum für das Applikations-Hosting hoch. Die dort angebotenen Business-Funktionen sollen im Online-Zugriff zur Verfügung stehen, wobei als Klientel überwiegend Mittelständler und kleinere Unternehmen erwartet werden.

Erste Ausläufer der ASP-Welle haben inzwischen auch Europa erreicht - speziell in Deutschland ist das Akronym bislang allerdings nur wenig bekannt. Europa befindet sich noch in der Konzeptphase, bestätigen indes auch die Marktforscher der Londoner Durlacher Research Ltd. (www.durlacher.com).

Ihrem jüngsten Report "Application Service Providers" zufolge soll sich der ASP-Markt jedoch in Kürze einer exponentiell steigenden Umsatzkurve erfreuen. In Europa werden laut Durlacher-Mitarbeiter Richard Wendland in diesem Jahr 14 Millionen Dollar mit ASP erwirtschaftet, 2001 sollen es bereits 340 Millionen Dollar sein und 1,5 Milliarden Dollar im Jahr 2004. Amerikanische ERP-Anbieter hätten dieses Potential erkannt und würden erste Kontakte zu europäischen Carriern und Internet-Service-Providern (ISPs) knüpfen.

Daran wird auch die Struktur künftiger ASP-Unternehmen deutlich. In vielen Fällen soll es sich um Partnerschaften handeln, an denen Applikationshersteller wie SAP, unabhängige Softwarehäuser (ISVs = Independant Software Vendors), Systemintegratoren, ISPs sowie Telcos beteiligt sind. Derartige Konstrukte lassen sich laut Durlacher mit einem Broker vergleichen, der Funktionen für Geschäftsanwendungen zusammenstellt und diese mit diversen Services als Mehrwert anbietet.

Ein Beispiel ist der neue Online-Rental-Service "Business Manager" von British Telecom (BT), der aus R/3-Funktionen für Finanzen und Gehaltsabrechnung besteht und demnächst um den Bereich Personalwesen sowie Customer-Relationship-Management erweitert werden soll. Daß dabei nicht ausschließlich SAP-Programme zum Einsatz kommen müssen, unterstreicht den ASP-Ansatz, die am besten geeigneten Lösungen unterschiedlicher Hersteller zu kombinieren (Best of Breed). Zielgruppe für Business Manager sind Firmen mit 20 bis 500 Angestellten - ein Spektrum, das derzeit von allen Seiten als potentielle ASP-Klientel definiert wird.

SAP selbst hat im Rahmen der Mysap.com-Strategie ebenfalls Partnerschaften für das Applikations-Hosting angekündigt, darunter mit AT&T und der Deutschen Telekom. Über diese Dienste, so Durlacher, wollen die Walldorfer Unternehmen im Umsatzbereich zwischen zwei und 20 Millionen Dollar erreichen. ERP-Spezialist J.D. Edwards kooperiert in Großbritannien mit Catalyst Solution als Systemintegrator sowie mit dem Netzbetreiber Cable & Wireless. Qwest geht in den USA mit Hewlett-Packard und SAP zusammen, während Peoplesoft Integratoren wie US Internetworking, Corio, KPMG und CSC um sich schart.

Durlacher bezweifelt allerdings, daß ausgerechnet die großen Player den ASP-Markt in Europa aufrollen werden: Den Marketing-Sprüchen stünde bislang nur wenig Substantielles gegenüber. Die jüngst von den ERP-Herstellern ins Feld geführte Portaltechnik sei für ASP-Zwecke noch wenig ausgereift, ebenso wie die Abrechnungsmodi zwischen den Beteiligten. Gute Chancen bescheinigen die Analysten dagegen den kleineren, aus ISVs und Systemintegratoren zusammengewürfelten Start-up-Companies. Eine Voraussetzung sei allerdings, daß die Anbieter bereits regional etabliert sind und über Branchen-Know-how verfügen.

Als Vorteil winkt ASP-Kunden ein auf standardisierte Geschäftsvorfälle abgestimmtes Funktionsspektrum, bei dem sich der Anwender weder um Updates und Wartung noch um die physikalische Sicherheit der Server kümmern muß. Trotz dieser Ähnlichkeit zum klassischen Applikations-Outsourcing etwa von R/3 gibt es zwischen beiden Modellen grundlegende Unterschiede. Der Outsourcer betreibt in der Regel einen speziell auf den Anwender zugeschnittenen ERP-Server innerhalb des Kunden-Intranet. ASP hingegen ist rein Internet-basiert und stellt mehreren Anwenderunternehmen einen zentral verwalteten Server etwa in Form von ERP-Services zur Verfügung. Das setzt voraus, daß die ASP-Lösung mandantenfähig ist, also von unterschiedlichen Firmen parallel benutzt werden kann.

Gerade deshalb ist das Customizing für die speziellen Prozesse einzelner Kunden nahezu ausgeschlossen. Konrad Röwekamp vom Hamburger Outsourcing- und IT-Dienstleister Origin sieht darin ein Problem. Unternehmen würden sich zwar nicht durch den Betrieb einer Standardsoftware, sondern durch ihre Geschäftsprozesse voneinander abheben, diese müßten sich aber in den Programmen widerspiegeln können. ASP eigne sich deshalb eher für die branchenneutralen Vorgänge in der Buchhaltung und im Personalwesen.

Ähnlich argumentieren auch Röwekamps Outsourcing-Kollegen von EDS und Bull Consulting. Schon um den Aufwand möglichst gering zu halten, ist laut EDS-Experte Hermann Sauer bei ASP nur eine Anpassung des Systems in bezug auf die von einer Firma gepflegten Stammdaten möglich. Diese für manchen Anwender kaum akzeptable Situation werde dadurch entschärft, daß ISVs zunehmend Branchen-Templates als Aufsatz für gängige ERP-Pakete anbieten. Mit diesen Offerten kommt es zu vergleichsweise hautnahen Standardlösungen für "Ready to Work" (SAP-Jargon).

Damit stehen die Chancen gut, daß neben den administrativen Funktionen auch Branchenlösungen den ASP-Markt erreichen. Die Attraktivität solcher Angebote liegt vor allem im Preis. Durlacher rechnet vor, daß bei der Beschaffung einer namhaften ERP-Software rund 10000 Mark pro Anwender allein in der Einführungsphase anfallen. In der Folgezeit müsse nochmals die gleiche Summe pro Jahr und Benutzer für Support beziehungsweise Wartung veranschlagt werden.

Eher zur Orientierung als zum direkten Vergleich stellen die Analysten diesen Zahlen das erwähnte BT-R/3-Projekt Business Manager gegenüber - eines der bislang wenigen Preisbeispiele aus dem ASP-Umfeld. Danach beträgt der einmalige Startpreis für das Buchhaltungsmodul pro Sitz umgerechnet etwa 4500 Mark, 1100 Mark fallen pro Quartal jeweils für die Miete an. Durlacher geht davon aus, daß die Total Cost of Ownership (TCO) eines externen ERP-Hostings über fünf Jahre gesehen um zehn bis 40 Prozent niedriger liegt, als wenn ein Unternehmen das Produkt erworben hätte. Im übrigen werde sich das Preis-Leistungs-Verhältnis weiter zugunsten der Anwender verbessern, sobald der ASP-Markt kräftig auf Touren gekommen ist.