Business Performance Index

Anziehende Konjunktur macht Prozessdefizite im Mittelstand sichtbar

Karin Quack ist als leitende Computerwoche Redakteurin für Themen rund um das IT-Management verantwortlich. Sie steht in engem Kontakt zu den CIOs und weiß, wo sie der Schuh drückt. Privat interessiert sich Quack für den Fußball - vor allem der FC Barcelona hat es ihr angetan.
Zum dritten Mal hat Techconsult heuer den "Business Performance Index" (BPI) ermittelt. Der Wert fiel deutlich niedriger aus als im Vorjahr. Haben die Mittelständler im DACH-Raum etwa ein Problem mit ihren Prozessen?

Mit einem Wert von 67,2 (von maximal 100) liegt der BPI für 2013 etwa 2,5 Prozentpunkte unter dem Vorjahreswert. Aber was bedeutet das eigentlich? Zunächst einmal handelt es sich beim BPI um eine repräsentativ angelegte Studie zur Prozessqualität in deutschen, österreichischen und Schweizer Unternehmen mit 20 bis 2000 Mitarbeitern. Ziel ist es, deren Prozesse zu untersuchen - vor allem hinsichtlich der Bedeutung für das Unternehmen und der Ausführungsqualität.

So entwickelte sich der Wert von 2011 bis 2013 Im vergangenen Jahr sah es so aus, als bekomme der Mittelstand in Deutschland, Österreich und der Schweiz seine Prozesse zunehmend in den Griff. Die aktuellen Ergebnisse sprechen dagegen. Aber vielleicht sind ja nur die Rahmenbedingugen härter geworfen.
So entwickelte sich der Wert von 2011 bis 2013 Im vergangenen Jahr sah es so aus, als bekomme der Mittelstand in Deutschland, Österreich und der Schweiz seine Prozesse zunehmend in den Griff. Die aktuellen Ergebnisse sprechen dagegen. Aber vielleicht sind ja nur die Rahmenbedingugen härter geworfen.

Grundlage der Auswertung sind telefonische und via Internet mitgeteilte Selbsteinschätzungen von Geschäftsführern und/oder Fachbereichsleitern aus den Branchen Fertigung, Dienstleistung und Handel. Von insgesamt 1800 Teilnehmern haben 782 eine Einschätzung für mindestens fünf Unternehmensbereiche vorgenommen (jeweils durch eine sechsfach abgestufte Bewertung der einschlägigen Kriterien). Nur deren Antworten sind in die Auswertung eingeflossen. Der Erhebungszeitraum erstreckte sich von April bis November vergangenen Jahres.

Qualitatives quantitativ darstellen

Der BPI ist das Ergebnis einer ziemlich komplexen Berechnung. Darin eingeflossen sind zum einen die Relevanz und zum anderen die Qualität der Prozesse in den jeweilgen Fachbereichen. "Mit dem BPI wollen wir qualitative Merkmale quantitativ sichtbar machen", erläutert Peter Burghardt, Geschäftsführer der Techconsult GmbH in Kassel.

Das Marktforschungs- und Beratungsunternehmen Techconsult zeichnet für die Studie verantwortlich. Aber es ließ sich sich von anderen Organisationen und Unternehmen unterstützen. Dazu zählen der Bundesverband mittelständische Wirtschaft (BVMW), die RWTH Aachen beziehungsweise deren Forschungseinrichtung FIR, das Marktforschungsunternehmen Trovarit sowie die Sponsoren SAP, Itelligence, QSC, Proaxia und Swisscom. Deren Engagement spricht für das hohe Interesse der IT-Welt an den Prozessen der Mittelständler.

Plakativ ausgedrückt, bedeutet ein hoher BPI: Die Prozesse, die für ein Unternehmen wichtig sind, werden auch gut, sprich: effektiv und effizient, abgebildet. Der Wert von 67,2 repräsentiert dabei den Durchschnitt über alle Unternehmen aller Branchen. Im Detail liegen die Fertigungsunternehmen mit 69,6 Punkten vor den Dienstleistern (66,1) und dem Handel (63,5) - auch hinsichtlich anderer Performance-Indikatoren wie Grad der IT-Unterstützung, Reife von innovativen IT-Lösungen und allgemeinem Unternehmenserfolg.

Anziehende Konjunktur macht Prozessdefizite im Mittelstand sichtbar.
Anziehende Konjunktur macht Prozessdefizite im Mittelstand sichtbar.
Foto: Andres Rodriguez, Fotolia.com

IT- und Prozessunterstützung korrelieren

Wie Burghardt erläutert, ist die Spreizung der BPI-Werte innerhalb der Grundgesamtheit recht hoch: Sie reicht von etwa 30 bis mehr als 90 von 100. Aus den Ergebnissen lasse sich eine auffallende Korrelation der drei Kenngrößen BPI, IT-Unterstützung und Unternehmenserfolg ablesen. Für Burghardt liegt auf der Hand: "IT- und Prozessunterstützung gehören einfach zusammen." Es gebe nur wenige "Ausreißer": Unternehmen, die gerade hohe Investitionen getätigt hätten und deshalb keine gute Bilanz vorweisen könnten, oder solche, die trotz schlecht unterstützter Prozesse einen beachtlichen Unternehmenserfolg - beispielsweise in einem Nischenmarkt - erreichten. "Manche können über die Prozessoptimierung tatsächlich keine Wettbewerbsvorteile erzielen", räumt der Marktbeobachter ein.

Für das Gros der Unternehmen gilt das aber nicht. Auch nicht im Mittelstand, wo das Prozessthema und seine enge Verbindung zur IT spät angekommen sind. Während sich die CIOs in den großen Konzernen schon seit Jahren mit der Optimierung der Unternehmensabläufe auseinandersetzen, kümmern sich die IT-Verantwortlichen im Mittelstand "nicht so intensiv" um die Prozesse, wie Burghardt bestätigt. Hier gebe es teilweise auch kein eigenes IT-Budget; die für IT-Vorhaben benötigten Mittel müssten von der Geschäftsleitung und/oder den Fachbereichen freigegeben werden.

Auch deshalb haben die Techconsult und ihre Mitstreiter den Business Performance Index ins Leben gerufen: "Im Mittelstand fehlt es ja auch an der Sichtbarkeit der Prozesse", sagt Burghardt. Insofern sei der BPI auch als ein Benchmark für die Prozesse im Mittelstand zu verstehen. Die Teilnehmer erhielten - so sie bereit seien, den Mantel der Anonymität zu lüften - eine individuelle Auswertung ihrer Prozessstärken und -schwächen gemessen an diesem Benchmark. Darüber hinaus könnten sie unentgeltlich an einem SAP-Workshop zum Thema "Business Value" teilnehmen.

Wer die Befragung verpasst hat, kann im Internet auf eine abgespeckte Version zugreifen. Das Ausfüllen des Fragebogens nimmt gut und gern 20 Minuten in Anspruch. Aber die Mühe lohnt: Die Performance des eigenen Unternehmens wird in Beziehung gesetzt zu den Werten der Grundgesamtheit und der jeweiligen Branche. Die online eingegebenen Daten fließen übrigens nicht in diesen Benchmark zurück, versichert Burghardt.

Nachgelagerte Investitionen

Bleibt die im Vorspann gestellte Frage: Wieso eigentlich ist der BPI für das vergangene Jahr signifikant schlechter als der für 2012? Was ist mit den Prozessen passiert? Auch darauf weiß Burghardt eine Antwort. Es liege an der verbesserten Konjunktur: "Wenn die Wirtschaft weniger gut läuft, gehen mehr Unternehmen davon aus, dass ihre Prozesse gut seien, weil sie nicht an ihre Grenzen stoßen. Doch wenn die Auslastung steigt, treten in bestimmten Bereichen Schwächen zutage."

Darüber hinaus hätten die Unternehmen momentan wenig Zeit, in die Verbesserung ihrer Prozesse zu investieren, schickt der Techconsult-Geschäftsführer hinterher: "Investitionen in Prozesse sind nachgelagert, sie werden getätigt, wenn die Konjunktur wieder abflaut." Allerdings sei dann oft kein Geld dafür übrig.

Industrie 4.0 - was ist das?

  • Neben der Gesamtauswertung hat Techconsult auch einen "Kurzbericht Fertigung" erstellt, der nur die 390 Fertigungsunternehmen unter den Studienteilnehmern berücksichtgt.

  • Dort liegen die Werte im Durchschnitt höher als im Service und im Handel.

  • Spitzenreiter sind die Mischfertiger mit einem BPI von 73,1.

  • Das Schlusslicht bilden die Projektfertiger mit 66,3.

  • Mehr als zwei Drittel der Unternehmen gaben an, mit dem Begriff "Industrie 4.0" nichts anfangen zu können.

  • Einige der unter diesem Begriff subsumierten Techniken sind dort allerdings schon breitflächig im Einsatz.

  • So kann knapp die Hälfte der Befragten eine integrative Anbindung von ERP, MES (Manufacturing Execution System)und MDE (Maschinendaten-Erfassung) vorweisen, womit sie in der Lage sind, Zustände und Störungen der Produktionsanlagen zu überwachen.

  • Etwa 40 Prozent berichten (auch), dass ERP/MES/MDE-Störungen bei ihnen in Echtzeit beobachtet werden.

  • Und immerhin ein Drittel der Teilnehmer aus der Fertigung hat einen mobilen Fertigungsleitstand im Einsatz.

  • Offenbar funktioniert Industrie 4.0 auch, ohne dass sie mit dem Hype-Begriff bezeichnet wird.