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Ganz anders als Google

"Antwortmaschine" Wolfram Alpha

14.05.2009
Wann schlägt der Asteroid auf dem Planeten ein? Wie schnell fliegt das Raumschiff der Romulaner? Und wo ist Mr. Data? Wenn die Crew vom "Raumschiff Enterprise" derlei wissen will, konsultiert sie den Bordcomputer.

Doch dass eine Maschine dem Menschen - wie in der TV-Serie "Star Trek" - mit sanfter Stimme präzise Antworten gibt, ist bislang nur ein Traum der IT-Industrie. Ein Forscher will ihn nun in Form einer Internet-Suchmaschine Wirklichkeit werden lassen: Am morgigen Freitag (15. Mai) geht die "Antwortmaschine" Wolfram Alpha online - zumindest in der englischen Version. Sie soll Antworten aus den im Internet verfügbaren Informationen berechnen, statt nur auf die Quellen zu verweisen wie andere Suchmaschinen. Die Branche lauert gespannt.

'Wolfram Alpha': Ab morgen kann man Text in den Suchschlitz eingeben.
'Wolfram Alpha': Ab morgen kann man Text in den Suchschlitz eingeben.

Die Zeiten, in denen neue Suchmaschinen Surfer, Blogger und Kapitalgeber elektrisierten, sind längst vorbei. Das enorme Interesse an Wolfram Alpha aber hat zwei Gründe: das neue Konzept - und den Kopf dahinter, dem die Branche zutraut, es umzusetzen.

Stephen Wolfram, 59 Jahre alt, ist ein Überflieger. Er promovierte mit 20 Jahren in theoretischer Physik und machte danach mit spektakulären Veröffentlichungen auf sich aufmerksam. In den 1980er Jahren entwickelte der Brite das Software-Paket "Mathematica", mit dem immer noch Forscher Gleichungen lösen oder Banker Kursprognosen erstellen. Seine Firma Wolfram Research aus Champaign im US-Bundesstaat Illinois verdient damit heute eine Menge Dollar.

Das Unternehmen ist die Keimzelle der neuartigen Suchmethode. In vier Jahren entwickelten Wolfram und ein Team aus bis zu 100 Mitarbeitern das neue Produkt. Auf den ersten Blick sieht es aus wie Google und Co., doch auf den zweiten ist es ganz anders. Denn die klassischen Suchmaschinen beantworten keine Fragen, sondern nennen nur Websites, auf denen die Suchbegriffe vorkommen. Google sei wie ein "Bibliothekar" fürs Web, schreibt der amerikanische IT-Experte Nova Spivack. "Wolfram Alpha dagegen ist mehr wie ein gigantischer Taschenrechner, um Antworten auf alle möglichen Dinge zu berechnen, bei denen Zahlen eine Rolle spielen."

Mastermind Stephen Wolfram (Foto: Hybernaut via flickr)
Mastermind Stephen Wolfram (Foto: Hybernaut via flickr)

Zwei Innovationen machen Wolfram Alpha besonders: Die Maschine interpretiert die Anfrage des Nutzers und sucht die passende Formel, um eine Antwort zu berechnen. Grundlage ist die Software Mathematica - daher ist die Suche zahlenlastig. "Wir versuchen, sachbezogene Informationen abzudecken, nicht Meinungen", sagt Conrad Wolfram, Bruder des Firmengründers und Chef des Europageschäfts. Die Ergebnisse bereitet das Portal grafisch auf. "Es geht nicht nur um Daten, sondern auch darum, wie man mit ihnen umgeht."

Die Suche kann etwa berechnen, wie das Wetter in Düsseldorf oder Dallas war, als John F. Kennedy starb - oder das Verhältnis von Ein- und Ausfuhren der Bundesrepublik. Bei Molekülen wird ein Diagramm der Struktur angezeigt. Und gibt man zum Beispiel die Namen zweier Firmen ein, spuckt die Maschine ein Kurvendiagramm mit der Entwicklung der Aktienkurse aus, garniert mit wichtigen Finanzdaten. Google verweist dagegen auf Artikel, die beide Unternehmen erwähnen.

Doch die Datenbasis weist einige Lücken auf. Bei politischen Themen muss Wolfram Alpha oft ebenso passen wie bei Klatsch und Tratsch aus der Promiwelt. Klassische Suchmaschinen zeigen hier Tausende von Treffern. Bei vielen Resultaten verschweige Wolfram Alpha zudem die Quelle, kritisiert Marcus Schwarze, Internetexperte bei der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung" (HAZ). Da ist großes Vertrauen in die Betreiber nötig. "Immerhin nutzen sie nur Daten, die sie selbst für seriös halten", sagt Schwarze. Google liefere keine qualitative Einschätzung seiner Quellen.

Die hohen Erwartungen der Experten erfüllt die Antwortmaschine bisher nicht - enttäuscht sie aber auch nicht komplett. "Wolfram Alpha ist kein Google-Killer, wird aber seinen Platz finden", urteilt Schwarze. Die Betreiber selbst sehen sich auch nicht als Rivale des Marktführers: "Wir sind eine Ergänzung zu Suchmaschinen", sagt Conrad Wolfram. Trotz dieser Nischenposition hofft der Manager darauf, dass sich das Investment bald auszahlt. Man rede über Partnerschaften - etwa mit den Betreibern von Suchmaschinen und Medienunternehmen. Sponsoring sei ein Thema, eine kostenpflichtige Profiversion irgendwann auch.

Die Konkurrenz schaut sich Wolfram Alpha genau an. Kurz nach der Vorstellung kündigte Google mit "Squared" einen Dienst an, der ebenfalls öffentlich verfügbare Daten auswertet und grafisch aufbereitet - etwa Arbeitslosenzahlen. Nutzer könnten vom Wettbewerb profitieren: Vielleicht gibt es bald nicht nur auf der "Enterprise", sondern auch auf der Erde eine schlagfertige Antwortmaschine. (dpa/tc)