PC-Betriebssystem beschäftigt die Köpfe, nicht die Rechner:

Annäherung an Posix soll OS/2 flottmachen

12.08.1988

MÜNCHEN (CW) - Allen Bemühungen von IBM und Microsoft zum Trotz will der OS/2-Markt nicht recht in Schwung kommen. Um die abwartende Haltung der Kundschaft abzubauen, soll das Betriebssystem jetzt Posix-kompatibel macht werden. Dies erklärte Bill Gates, Chairman von Microsoft, auf einer Tagung in Washington.

Mit der Bereitstellung der Posix-Programmierschnittstelle (Application Programming Interface, API) will der OS/2-Apologet die Anwendungen für das Betriebssystem portabler machen und so eine Hemmschwelle bei den Usern abbauen. Dies gilt insbesondere für die Bundesbehörden, die sich bisher gegenüber OS/2 sehr zurückhaltend gezeigt haben.

Unterdessen lassen erste Berichte darauf schließen, daß auch die Extended Edition von OS/2 bisher nicht den erwarteten Anklang findet. Sowohl Softwarehäuser als auch Händler führen Klage über die sehr geringe Nachfrage nach der Systemsoftware. Unter den Softwarehäusern sei auch niemand zu finden, heißt es in einem US-Bericht, der IBM mit einem Datenbank-Konkurrenzprodukt herausfordern wolle. Als mögliche Gründe für das Desinteresse der DV-Industrie nennen Experten das Warten auf den Presentation Manager und auf den neuen LAN-Support, außerdem das Fehlen von Anwendungen und die anhaltende Verwirrung über die Rolle des Betriebssystems in der Gesamt-DV. Zusätzlich zu diesen retardierenden Momenten kämen noch die hohen Kosten für die Implementation - Investitionen in leistungsstarke PCs, Hauptspeicherausbau auf zirka 6 MB und Festplatten mit mindestens 30 MB.

Im Gegensatz zu dem geringen Käuferinteresse steht die Heftigkeit, mit der in Fachkreisen über OS/2 diskutiert wird - etwa von William Zachmann, Vice President der International Data Group (IDG). Er vertrat die Ansicht, OS/2 werde auf keinen Fall einen schnellen Start erleben, da die Anwender begriffen hätten, daß damit kein Staat zu machen sei. So sei beispielsweise das unter PC-DOS/MS-DOS laufende "Flat-File"-Datenbanksystem F&A von Symantec in der Lage, den Datenbankteil der Extended Edition glatt auszustechen.

Andere Insider widersprechen engagiert und behaupten, wer die Software kritisiere, habe ihre interne Architektur nicht verstanden. So erklärte Rich Finkelstein, President einer Chikagoer Softwarefirma: "Die Extended Edition ... erschließt die absolute Kompatibilität mit der Mainframewelt im Hinblick auf die Programmierung, Optimierung, Recovery und die eingebaute Transaktionssteuerung. Das können die wenigsten Produkte aufweisen".

Die Interesselosigkeit des Fachpublikums an OS/2 sei zu einem guten Teil auf falsche Präsentationsstrategien der Anbieter zurückzuführen, meinen Analysten. Wenn man dem DV-Anwender klarmache, welche praktischen Möglichkeiten sich mit dem Betriebssystem eröffneten, seien auch viele bereit, die erforderlichen Investitionen zu tätigen. Statt dessen werde in der Szene viel zu viel um die Kosten für die Umstellung gestritten.

All die Diskussionen können jedoch nicht vergessen machen, daß OS/2 mit der Unterstützung von Third-Party-Anbietern steht und fällt. Und die ist bisher sehr spärlich. Während die meisten Hersteller, Softwarehäuser und Anwender erst einmal die weitere Entwicklung abwarten wollen, haben andere die Lösung bereits im Auge. Etwa Douglas Barney, Kolumnist der COMPUTERWORLD: "Wo OS/2 Anwendungen braucht, hat Unix sie schon. Und wo OS/2 erst noch multiuserfähig gemacht werden muß, kann Unix diese Eigenschaft aufweisen."