Notfallsystem

Android mit dem Recovery-Modus retten

Sandra Ohse ist seit 2013 Teil der PC-WELT-Redaktion. Sowohl online als auch in den Printausgaben der PC-WELT sowie AndroidWelt informiert sie über die neuesten Hardware-Produkte in den Kategorien Smartphones und Gadgets. Auch Ratgeber und Tipps zum Themenbereich Mobile sowie Tests von Fitnesstrackern und Kopfhörern gehören zu ihrem Aufgabenbereich.
Wenn auf dem Smartphone nichts mehr geht, hilft oft nur noch das Android Notfallsystem – der Recovery-Modus. Wir erklären, was sich dahinter verbirgt und wie Sie ihn nutzen.
Der Wartungsmodus von Android hilft, wenn das System nicht mehr ohne Abstürze laufen will.
Der Wartungsmodus von Android hilft, wenn das System nicht mehr ohne Abstürze laufen will.
Foto: Google

Der Recovery-Modus ist ein kleines minimalistisches Notfallbetriebssystem innerhalb Androids, welches eigenständig arbeitet. Dieser Wartungsmodus kommt ohne nennenswerte grafische Benutzeroberfläche (GUI) aus und stellt die einzelnen Optionen mit simplen Textzeilen dar, die Sie einzeln anwählen und bestätigen können. Auch die Funktionen innerhalb dieses Systems sind eher begrenzt: Es stehen verschiedene Wiederherstellungs-, Wartungs- sowie Installationsfunktionen zur Verfügung.

So starten und bedienen Sie den Wartungsmodus

Je nach Gerätehersteller variieren die Tastenkombinationen, mit denen Sie das Smartphone im Wartungsmodus hochfahren können. Allgemein gilt jedoch, dass das Gerät ausgeschaltet sein muss, bevor es im Recovery-Modus starten kann.

Bei Samsung-Geräte drücken Sie gleichzeitig die "Lauter-Taste", den Home-Button sowie den Power-Button. Nachdem sich das Gerät angeschaltet hat, lassen Sie den Power-Button los und halten die "Lauter-Taste" sowie den Home-Button weiter gedrückt.

Wenn Sie Besitzer eines HTC- oder Nexus-Smartphones sind, gelangen Sie über die Kombination der "Leiser-Taste" und der Ein-/Ausschalttaste in das Recovery-Menü. Beide Tasten müssen Sie zeitgleich für mehrere Sekunden gedrückt halten.

Die Navigation innerhalb des Menüs ist bei allen Geräten und Herstellern gleich: Mithilfe der Lautstärke-Tasten wechseln Sie zwischen den verschiedenen Optionen. Über den Power-Knopf starten Sie die ausgewählten Funktionen. Diese Anweisung finden Sie auch am oberen Display-Rand: "Volume up/down to move highlight; power button to select".

Einsatzszenarien: So hilft Ihnen der Recovery-Modus im Notfall

Das Notfallsystem von Android hat Einiges zu bieten. Bei vielen Funktionsstörungen eines Smartphones kann dieser Modus nützlich oder sogar die letzte Rettung sein.

Neustarten: Wenn Ihr Smartphone abstürzt oder sich nicht mehr planmäßig starten lässt, hilft oft die Funktion "reboot system now". Das Gerät startet anschließend wieder im normalen Android-Betriebssystem.

Datenzugriff mobil - aber bitte geschützt - Foto: ArtFamily - shutterstock.com

Datenzugriff mobil - aber bitte geschützt

Modifizieren: Da es sich bei Android um eine auf Linux basierte Open-Source-Software handelt, ist auch der Quellcode frei zugänglich. Dieser Quellcode kann somit vom jedem verändert werden. Ziel dieser Modifizierungen ist es, neue Funktionen zu schaffen oder Hersteller-Einstellungen zu umgehen. Auch können mithilfe von Custom-ROMs neue Android-Versionen auf Geräte gespielt werden, für die sie ursprünglich nicht vorgesehen waren. Voraussetzung für das Aufspielen von Custom-ROMs ist in der Regel das Rooten Ihres Smartphones. Zusätzlich ist die Installation eines modifizierten Recovery-Moduls von Nöten, welches einige nützliche Funktionen für das Aufspielen von Custom-ROMs bietet.

Um nun ein neues ROM zu flashen muss dieses als ZIP-Datei auf der Micro-SD-Karte oder im Cache-Speicher liegen. Anschließend kann die Datei im Recovery-Modus über die Befehle "apply update from cache" und "apply update from external storage" ausgewählt und angewendet werden. Um zum Beispiel das populäre Android-6-System Cyanogenmod 13 auf Ihrem Handy zu installieren, lesen Sie den Beitrag " Cyanogenmod 13: Installation und Funktionen ".

Das Recovery-Menü hat keine grafische Benutzeroberfläche. Die einzelnen Funktionen werden als einfache Textzeilen dargestellt.
Das Recovery-Menü hat keine grafische Benutzeroberfläche. Die einzelnen Funktionen werden als einfache Textzeilen dargestellt.

Das kann der Wartungsmodus

Das Menü des Recovery-Modus bietet eine Hand voll Funktionen, zwischen denen Sie wählen können. PC-Welt erklärt, was sich hinter den einzelnen Optionen verbirgt:

reboot system now: Diese Funktion ist wohl die meist genutzte innerhalb des Recovery-Modus. Nach dem Anwählen startet Ihr Smartphone neu im normalen Android-Betriebssystem.

 Über diese Funktion können Sie nicht nur Anwendungen außerhalb des Play-Stores installieren, sondern auch Custom-ROMs flashen.
Über diese Funktion können Sie nicht nur Anwendungen außerhalb des Play-Stores installieren, sondern auch Custom-ROMs flashen.

apply update from ADB: Die ADB (Android Debug Bridge) stellt eine Software-Schnittstelle zwischen Ihrem PC und dem Smartphone dar, die eine direkte Kommunikation per USB zwischen den beiden Geräten ermöglicht. Mögliche Aktionen sind das Flashen von Custom-ROMs (alternative Betriebssysteme) und die Installation von Anwendungen. Für die Verwendung der ADB benötigen Sie das Programm " ADB Tools " (ADB ist Teil der Android-SDK) auf Ihrem PC, und der Treiber für Ihr Phone muss ebenfalls installiert sein. Zusätzlich müssen Sie in den Smartphone-Einstellungen unter " Entwickler-Optionen " die Funktion "USB-Debugging" aktivieren, und das Phone natürlich per USB-Kabel mit dem PC verbinden. Danach können Sie zum Beispiel über den Befehl

adb devices

testen, ob die Verbindung steht. In diesem Fall wird eine Geräte-ID zurückgegeben. Mit dem Befehl

adb sideload <Dateiname.zip>

übertragen Sie dann die gewünschte Datei vom PC auf Ihr Smartphone und installiert das Update oder System.

Die Option „apply update from SD card“ ermöglicht es Ihnen, auf Updates für Ihr mobiles Gerät von Ihrer Micro-SD-Karte zurückzugreifen.
Die Option „apply update from SD card“ ermöglicht es Ihnen, auf Updates für Ihr mobiles Gerät von Ihrer Micro-SD-Karte zurückzugreifen.

apply update from external storage oder apply update from SD Card: Beim Anwählen dieser Funktion sucht der Recovery-Modus nach Betriebssystem-Updates in Form von ZIP-Dateien auf der Micro-SD-Karte Ihres Handys. Durch die Bestätigung des gewünschten Updates mit der Power-Taste führt Ihr Smartphone dieses sofort aus. Beispiel hierfür können Custom-ROMs sein, mit denen Sie Ihr Android-Betriebssystem flashen, also überspielen.

Mit dem Factory-Reset löschen Sie alle Daten auf dem internen Speicher. Hier ist Vorsicht geboten: Der Vorgang lässt sich nicht rückgängig machen!
Mit dem Factory-Reset löschen Sie alle Daten auf dem internen Speicher. Hier ist Vorsicht geboten: Der Vorgang lässt sich nicht rückgängig machen!

wipe data/ factory reset: Bei dieser Option sollten Sie besonders große Vorsicht walten lassen, denn der Vorgang lässt sich nicht rückgängig machen. Wenn Sie einen Factory-Reset durchführen, gehen alle von Ihnen vorgenommenen Einstellungen, installierten Apps, Kontakte, Dateien und die Verknüpfung mit Ihrem Google-Konto verloren. Das Gerät wird in den Werkszustand zurückgesetzt. Es gilt allerdings zu beachten, dass ein Factory-Reset weder etwas am Root-Zustand, noch an aufgespielten alternativen Betriebssystemen ändert. Auch ist die Sim-Karte von einem Factory-Reset nicht betroffen. Theoretisch müssen Sie die Karte während des Reset also nicht aus dem Gerät entfernen.

Bei sensiblen Daten sollten Sie sicherheitshalber aber trotzdem vorher ein Backup erstellen, um mögliche Risiken beim Fehlschlagen des Vorgangs zu vermeiden. Ein Problem kann bei gespeicherten Apps auf der SD-Karte auftreten. Während der Zurücksetzung zum Werkszustand wird die Verknüpfung der Apps zum Android-System gelöscht. Zwar existieren die Apps weiter auf der Speicherkarte, lassen sich danach aber nicht mehr anwenden - Sie müssen diese also erneut herunterladen und installieren.

wipe cache partition: In der Cache-Partition liegen temporär gespeicherte Daten des Systems sowie der Android-Anwendungen. Hierbei handelt es sich um Daten, die häufig Verwendung finden: Durch das Zwischenspeichern im Cache wird der Zugriff auf die Daten beschleunigt. Durch das Anwählen dieser Funktion gehen keine persönlichen oder wichtigen Daten verloren, da sie zusätzlich im Ordner data/data hinterlegt sind und sich bei einem Neustart erneut auslesen lassen.

Über die Funktion „wipe cache partitione“ löschen Sie den temporären Cache-Speicher
Über die Funktion „wipe cache partitione“ löschen Sie den temporären Cache-Speicher

apply update from cache: Beim Anwählen dieser Funktion haben Sie die Möglichkeit, auf ein im Cache gespeichertes Update zuzugreifen. Dieses müssen Sie allerdings vorher dort hinterlegen. Um jedoch auf den Cache-Speicher zugreifen zu können, benötigen Sie Superuser-Rechte auf Ihrem Smartphone (siehe Abschnitt "Rooten auf eigene Gefahr") Hierfür müssen Sie Ihr Smartphone rooten. Die Funktion "apply update from cache" unterscheidet sich nur in punkto Speicherort von den bereits genannten Optionen "apply data update from ADB" sowie "apply update from external storage".

Reparieren

Wenn das Android-System hängt oder Fehler aufweist, liegt in der Regel ein Software-Bug vor, der durch mangelhaft programmierter Android-Apps auftreten kann. Hier kann das Löschen des Zwischenspeichers (Option: wipe cache partition) helfen. Dadurch steigern Sie unter Umständen sogar die Performance Ihres Geräts. Wenn auch diese Option nicht zielführend ist, bleibt Ihnen die Funktion "Factory-Reset".

Allerdings sollten Sie zur Sicherheit auf jeden Fall vorher ein Backup Ihres Smartphones erstellen, um keine wichtigen Daten zu verlieren. Auch bei Fehlern im System kann diese Funktion hilfreich sein. Systemstörungen kommen zwar seltener vor als Fehler bei Apps, sind aber durchaus drastischer in ihren Auswirkungen. Derartige Probleme treten hauptsächlich bei modifizierten System durch Custom-ROMs auf. Bevor Sie hier zu radikalen Schritten greifen und das Smartphone mit einem neuen Betriebssystem ausstatten, können oft auch kleine Reparaturarbeiten wie ein Factory-Reset zum Ziel führen.

Wiederherstellen

Gerade wenn Sie Veränderungen an Ihrem ursprünglichen Betriebssystem vorgenommen, also ein Custom ROM geflasht haben, können Probleme auftreten. Zum einen kann es bei der Installation zu ungewünschten Zwischenfällen kommen, wenn zum Beispiel bestimmte notwendige Voraussetzungen nicht erfüllt sind. Zum anderen ist es möglich, dass die Custom-ROMs selbst Fehler enthalten. Folgen dieser Szenarien sind beispielsweise, dass Ihr Smartphone nicht mehr ordnungsmäßig hochfährt, sondern immer wieder ohne Erfolg neu startet. Außerdem führen fehlerhafte Custom-ROMs nicht selten dazu, dass verschiedene Prozesse oder Anwendungen immer wieder abstürzen und Ihr Smartphone-Betriebssystem auf Dauer unbedienbar und instabil machen. Doch auch bei gebrickten Phones ist noch nicht alles verloren.

Hier empfiehlt sich, ein neues Custom-ROM zu installieren oder auch auf das Backup Ihres ursprünglichen Betriebssystems zurückzugreifen. Ein derartiges Backup sollten Sie vor dem Rooten beispielsweise mithilfe der Anwendung "ROM Manager" erstellen. Auch wenn Sie unzufrieden mit dem von Ihnen ausgewählten Custom-ROM sind, können Sie so zur ursprünglichen Android-Version zurückkehren. Liegt das Kind schon im Brunnen, und es geht scheinbar nichts mehr, hilft Ihnen unsere Anleitung " Der Custom-ROM-Flash geht schief - was nun? ". Bei noch größeren Problemen hilft Ihnen der Beitrag " Smartphone-Daten trotz defektem Display retten ".

Installieren von Apps

Über die Option "apply update from adb" haben Sie über Ihren PC Zugriff auf Ihr Smartphone. Diesen Zugang können Sie auch für die Installation von APK-Dateien (Android Package File) nutzen. APKs enthalten in komprimiertem ZIP-Format alle notwendigen Dateien für die Installation einer App. Um die entsprechende Anwendung von Ihrem PC aus auf Ihrem Smartphone zu installieren, müssen Sie die ADB über das Kommandofenster starten. Dafür geben Sie "cmd" in die Windows-Suchleiste ein und schon öffnet sich das Fenster. Mit dem Befehl

adb install /pfad/zur/datei/anwendung.apk

lässt sich die Anwendung dann auf Ihrem Gerät ausführen.

Daten sichern

Ihr Smartphone fährt nicht mehr ordnungsmäßig hoch, und Sie wollen wichtige Daten sichern? In diesem Fall kann Ihnen ebenfalls die Option "apply update from adb" im Recovery Menü weiterhelfen.Auch hier öffnen Sie dazu wieder das Kommandofenster und wählen mit dem Befehl

adb pull /pfad/am/handy.txt /pfad/am/computer.txt

die gewünschte Datei aus. Der Datentransfer funktioniert aber auch in die entgegengesetzte Richtung: So lassen sich Dateien von Ihrem PC auf Ihr Smartphone transferieren. Hier lautet der Befehl

adb push /pfad/am/computer.txt /pfad/am/handy.txt

Zurücksetzen in den Werkszustand

Auch wenn Sie Ihr Smartphone verkaufen oder sich ein gebrauchtes Gerät anschaffen wollen, kann der Recovery Modus hilfreich sein: Mittels Factory-Reset stellen Sie beispielsweise sicher, dass der Käufer Ihres Geräts nicht auf Ihre privaten Daten oder sogar auf Ihr mit Ihrer Kreditkarte verknüpftes Google-Konto Zugriff hat.

Sollten Sie sich selbst für den Kauf eines gebrauchten Smartphones entscheiden wäre ein Factory-Reset ebenfalls ein sinnvoller Schritt. So stellen Sie sicher, dass sich auf dem Gerät keine Schad- oder Spionage-Software befindet.

Fazit: Große Funktionsvielfalt für den geübten Android-Nutzer

Auch wenn die insgesamt sechs Menüpunkte im Android-Recovery-Modus es nicht vermuten lassen: Das Notfallsystem bietet eine Fülle an wichtigen und nützlichen Funktionen. Ob Sie ein neues, modifiziertes Betriebssystem anwenden, APK-Dateien installieren, Daten von Ihrem defekten Smartphone retten oder es in den Werkszustand zurückversetzen wollen - das Menü hält für viele Probleme und Funktionsstörungen eine passende Lösung bereit. Allerdings ist die Bedienung und Handhabung der einzelnen Optionen nichts für unerfahrene Android-Nutzer. Gerade die ADB ist nicht einfach zu bedienen, und auch beim Flashen von neuen Custom-ROMs kann einiges schief gehen. Eine Liste der ADB-Kommandos finden Sie auf den Entwickler-Seiten von android.com . Solche Aktionen sollten also nicht ohne detaillierte Anweisungen ausgeführt werden, sonst kann das Smartphone erheblichen Schaden nehmen.

Hinweis: Rooten auf eigene Gefahr!

Ein sogenannter Root auf dem Smartphone lässt sich mit einem Administrator-Konto eines Windows-Rechners vergleichen. Er ermöglicht Ihnen Superuser-Rechte, also Berechtigungen, die Sie als normaler Nutzer nicht hätten. Vor allem für das Flashen von Custom-ROMs ist meist das vorhergehende Rooten des Smartphones nötig. Es gilt zu beachten, dass die Herstellergarantie auf das Smartphone mit dem Rooten formell erlischt. Wobei Sie das Gerät normalerweise problemlos Unrooten können, und die Garantie somit schon in Anspruch nehmen können. Nicht nur, um einen Weg zurück zu haben, sollten Sie vor dem Rooten ein komplettes Backup Ihres Smartphones machen .

Alternative Recovery-Module:

Der systemeigene Recovery-Modus von Android-Smartphones wird auch Stock-Recovery genannt. Für verschiedene Funktionen wie das Flashen von Custom-ROMs (modifizierte Betriebssystem-Versionen), ist das Aufspielen eines modifizierten Recovery-Images nötig. Das wohl bekannteste alternative Wiederherstellungssystem ist " TeamWin Recovery Project ", welches für die meisten Geräte verfügbar ist. Im Gegensatz zum Stock-Recovery können die alternativen Module beispielsweise ZIP-Dateien und komplette Backups erstellen sowie Custom-ROMs flashen. Eine genaue Installationsanleitung für alternative Images finden Sie auf droidwiki.de .

(PC-Welt)