Office-Software als Service

Anbieter wollen den Desktop ins Web verlagern

24.09.1999
MÜNCHEN (CW) - Zwei US-Startups wollen mit ähnlichen Angeboten, aber unterschiedlichem Geschäftsmodell eine Idee verwirklichen, die in der Industrie seit geraumer Zeit kursiert - eine vollwertige Arbeitsumgebung, die man einfach im Web-Browser lädt.

Dieser Ansatz geht prinzipiell einen Schritt weiter als die ASP-Konzepte (Application-Service-Providing) von Sun oder Microsoft: Beide Neueinsteiger bieten einen technischen Rahmen, in dem Drittanbieter Web-basierte Software entwickeln und massenhaft verbreiten können.

MyDesktop.com (http://www. mydesktop.com) hat in dieser Woche eine Vorabversion seines Web-basierten Desktop-Ersatzes online gestellt. Zum Start stehen dem Besucher nach der obligatorischen Registrierung vorerst eine Reihe einfacher Anwendungen zur Verfügung, die die 38 Mann starke Firma selbst entwickelt hat. Dazu gehören ein Texteditor, ein Programm zum Sammeln und Lesen aktueller Nachrichten, ein Viewer für Börsencharts und eine Reihe von Spielen. Nachdem die Programmier-Schnittstelle öffentlich zugänglich ist, hofft MyDesktop.com, daß sich nun externe Entwickler in Scharen ans Werk machen, um eigene Anwendungen für das System zu programmieren. Geld verdienen will man mit Werbung und der Plazierung von Icons sowie Verweisen auf externe Angebote.

Die Company wurde von ein paar "alten Hasen" des Internet-Business gegründet, die zuvor den Web-basierten E-Mail-Dienst "Rocketmail" aus der Taufe gehoben hatten, den die Portal-Site Yahoo 1997 für knapp 90 Millionen Dollar übernahm. Für ihr jüngstes Projekt bekamen die Enterpreneure laut "Wall Street Journal" ohne Probleme knapp 30 Millionen Dollar Venture-Capital zusammen.

Lotus-Gründer vom Konzept überzeugt

Zu den Finanziers zählen Kohlberg Kravis Roberts & Co., Sequoia Capital und Accel Partners. Dort sitzt inzwischen der einstige Lotus-Gründer Mitch Kapor. Der hält große Stücke auf MyDesktop.com: "Dies könnte Fähigkeiten des Browsers enorm erweitern, indem das Erlebnis einfacher und mächtiger zugleich wird. Eine bedeutende Idee."

Die Geschäftsidee von MyWebOS.com (http://www.mywebos. com), einer zehnköpfigen Firma aus Baltimore, baut auf dem gleichnamigen Betriebssystem "MyWebOS" auf. Dieses stellt privaten wie kommerziellen Kunden auf der Website des Anbieters eine kostenlose Plattform zur Eigenentwicklung oder Nutzung seiner Büroanwendungen zur Verfügung. Letztere sind ebenfalls lizenzfrei nutzbar und ähneln laut Betreiber entsprechenden Microsoft-Produkten. Sie unterteilen sich derzeit in eine Textverarbeitung "Hyperword" sowie das Büropaket "Hyperoffice", das Funktionen wie E-Mail, Kalender, Dokumentenerstellung und -verwaltung, Präsentation und Datenbank enthält.

Der Anbieter behauptet, daß seine Anwendungen selbst über eine langsame Internet-Verbindung immer noch schneller sein können als herkömmliche Applikationen, die lokal geladen werden. Diese forsche These läßt sich leider nicht verifizieren, solange der Dienst noch nicht online geschaltet ist. MyWebOS geht in den nächsten Tagen an den Start. Geld verdienen will die Company im Gegensatz zu MyDesktop.com über die Lizenzierung ihrer Produkte an andere Internet-Sites und Softwarehersteller, die ihrerseits Web-Anwendungen auf Basis des Betriebssystems entwickeln und vermieten wollen.