Web

 

Analysten schicken Amazon.com-Aktie in den Keller

26.06.2000
Kreisen schon die Pleitegeier?

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Dass der vom Internet-Buchhandel zum E-Commerce-Tausendsassa mutierte US-Anbieter Amazon.com noch keinen Cent Geld verdient hat, ist beileibe kein Geheimnis. Die Finanzwelt hat das Unternehmen aus Seattle bislang dennoch stets mit Samthandschuhen angefasst. Das scheint sich nun zu ändern: Nachdem sich einige prominenten Analysten am vergangenen Freitag negativ über die Company von Chief Executive Officer Jeff Bezos ausließen, fiel der Kurs der Amazon-Aktie um mehr als 19 Prozent oder acht Dollar auf den neuen Jahrestiefststand von 33,78 Dollar.

Das Papier hat damit gegenüber dem 113-Dollar-Hoch von Anfang September 1999 rund 70 Prozent an Wert eingebüßt. Gleichzeitig sank die Marktkapitalisierung von einst stolzen 60 Milliarden auf knapp zwölf Milliarden Dollar. Amazon.com stand mit seinem Kursrutsch übrigens nicht allein - auch andere Vorzeigefirmen der so genannten New Economy mussten Federn lassen. So gaben AOL um gut drei, Ebay um gut vier, Priceline um dreieinhalb und Yahoo um fast sechseinhalb Dollar nach - alle vier sind inzwischen ebenfalls weit von ihrem 52-Wochen-Hoch entfernt. Dennoch steht Amazon.com im Mittelpunkt der Kritik.

Mary Meeks, die einflussreiche Analystin von Morgan Stanley, hatte erklärt, sie erwarte für das zweite und dritte Quartal "keine Verbesserung" und sogar eine "mäßige Verschlechterung" der Umsätze von Amazon.com. Ins gleiche Horn hatte unlängst schon Henry Blodget von Merrill Lynch gestoßen und dabei einen "durch die Verschlechterung der wirtschaftlichen Gesamtsituation bedingten Rückgang der Verbraucherausgaben" sowie ein "verlangsamtes Wachstum der Consumer-Internet-Industrie" prophezeit.

Ravi Suria, Spezialist für Anleihen bei Lehman Brothers, hatte die Wandelschuldverschreibungen von Amazon als "extrem schwach und heruntergekommen" bezeichnet. In seiner Begründung führte der Analyst aus: "Wir glauben, dass die Kombination aus negativem Cashflow, schlechtem Management des Working Capital und hoher Schuldenlast das Unternehmen in einer durch übertriebenen Wettbewerb gekennzeichneten Umgebung einem enorm hohen Risiko aussetzt." Amazon-Sprecher Bill Curry kanzelte die Kritik als "Quatsch" ab und erklärte, es bestehe "auch nicht ansatzweise die Gefahr, dass uns das Geld ausgeht."

Das Unternehmen habe aus Beteiligungen und Anleihen in den vergangen drei Jahren rund 2,8 Milliarden Dollar eingenommen und gleichzeitig für rund 2,9 Milliarden Dollar Waren verkauft, bemängelt dennoch Lehman-Analyst Suria. Es bestehe daher Zweifel an der Kreditwürdigkeit, weil Amazon noch immer nicht bewiesen habe, Umsatz auch in Gewinn ummünzen zu können.

Dem widersprach zumindest Tom Wyman von J.P. Morgan. Er legte Suria nahe, doch "einmal den Flur herunter zu gehen, mit dem E-Tailing-Kollegen zu sprechen und sich erklären zu lassen, wie ein Internet-Geschäftsmodell funktioniere." Auch Jeelil Patel von Deutsche Bank Alex Brown sieht keinen Grund zur Sorge. Amazons Verschuldung sei geplant und kalkuliert. Das Unternehmen verfüge über ausreichende Bargeld-Reserven von 1,1 Milliarden Dollar, die bis zum Erreichen der Gewinnzone ausreichen sollten.

Amazon.com hat inzwischen langfristige Anleihen im Wert von rund 2,1 Milliarden Dollar ausgegeben, um sein operatives Geschäft zu finanzieren. Wie bei Wandelschuldverschreibungen üblich, hat die Company dabei das Recht, die Papiere in Aktien einzutauschen. Voraussetzung dafür ist, dass die Amazon-Aktie über einen bestimmten Zeitraum hinweg ein gewisses Kursniveau aufweist. Für seine zehnjährigen US-Anleihen etwa ist dies möglich, wenn der Kurs an 20 von 30 aufeinander folgenden Tagen über 117,04 Dollar liegt (wovon er derzeit meilenweit entfernt ist, s.o.). Als die Anleihen ausgegeben wurden, waren Internet-Aktien noch so genannte Highflyer, und es bestand eine realistische Chance, die Schuldverschreibungen quasi direkt zu wandeln. Stattdessen sind nun halbjährliche Tilgungszahlungen angesagt - im vergangenen August musste Amazon erstmals knapp 30 Millionen Dollar auf seine US-Anleihen auszahlen.

Der Kursverfall resultiert aus Sicht von Patel vor allem aus der Tatsache, dass Amazon.com von Seiten der Investoren weniger als Internet- und Hightech-Company denn als traditionelles Handelsunternehmen mit den üblichen saisonalen Umsatzschwankungen wahrgenommen werde. Ähnlich sieht es der Venture-Capitalist Steve Harmon. "Amazon ist Internet-fähig, aber nicht länger Internet-zentrisch", meint der Manager des e-Harmon Internet Fund. Inzwischen machten Lagerhaltung und Logistik 75 Prozent des Geschäfts von Amazon aus. Im Internet-Bereich verfüge das Unternehmen über einen dominierenden Marktanteil und eine etablierte Marke.

Grundsätzlich ist sich die US-Finanzwelt einig, dass Amazon.com profitabel werden muss - und zwar möglichst bald. "Die Reaktion des Marktes vom Freitag zeigt, dass die Investoren sehr stark auf Profitabilität und Cash Returns fokussiert sind", erklärte Lauren Cooks Levitan von Robertson Stephens. Wall Street setzt vor allem darauf, dass die Bezos-Company ihr selbst gestecktes Ziel erreicht und im US-Geschäft mit Büchern, CDs und Video Ende dieses Jahres die Gewinnzone erreicht. Generell schwarze Zahlen erwartet die Finanzwelt für das Jahr 2002.