Zukunft der Arbeit

An der elektronischen Leine

03.03.2015
Werden wir in Zukunft alle als digitale Tagelöhner arbeiten, und wie wird die zunehmende Vernetzung unser Leben ändern? Arnold Picot, Professor für Betriebswirtschaft in München, untersucht, wie sich die Digitalisierung auf die Arbeitswelt auswirkt.

Was bedeutet die Digitalisierung für unsere Arbeit?

Arnold Picot: Die technologische Entwicklung hat zu einer enormen Leistungssteigerung der Hilfsmittel geführt, die man für die Arbeit braucht, und zu einer zunehmenden Vernetzung. Die Geräte werden leichter und kleiner. Das eröffnet enorme Flexibilitätspotenziale und Freiheitsgrade. Wir können heute den Ort der Arbeit freier wählen, weil wir unsere Arbeitsumgebung überallhin mitnehmen können. Die Arbeit kommt verstärkt zu den Menschen und nicht mehr umgekehrt. Die Wirtschaft hat sich dematerialisiert, das heißt, Produkte und Dienstleistungen sind vermehrt digitalisiert, und die Wertschöpfung findet immer stärker in virtuellen Zusammenhängen statt. Das heißt auch: Firmen wählen ihre Standorte nach anderen Kriterien als bislang. Die Autoindustrie kann ihre Software aus jedem beliebigen Land der Welt beziehen - ebenso wie einen großen Teil der Fachkräfte.

Professor Arnold Picot leitet die Forschungsstelle für Information, Organisation und Management an der Fakultät für Betriebswirtschaft der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München, die das Interview dankenswerterweise zur Verfügung gestellt hat (www.uni-muenchen.de). Für den IT-Gipfel der Bundesregierung Ende 2014 verfasste Picot das Papier "Arbeit in der digitalen Welt".
Professor Arnold Picot leitet die Forschungsstelle für Information, Organisation und Management an der Fakultät für Betriebswirtschaft der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München, die das Interview dankenswerterweise zur Verfügung gestellt hat (www.uni-muenchen.de). Für den IT-Gipfel der Bundesregierung Ende 2014 verfasste Picot das Papier "Arbeit in der digitalen Welt".

Was heißt das für die Arbeitsorganisation?

Sind Sie Bewerbungsprofi?

Arnold Picot: Durch die digitalen Medien ist es einfacher geworden, freie Mitarbeiter in Arbeitsprozesse einzubeziehen. Daher wird es in Zukunft mehr Freelancer geben. Das liegt auch daran, dass sich Arbeitsinhalte häufig ändern und Unternehmen nicht wissen, welche Kompetenzen sie morgen brauchen. Sie greifen lieber je nach Bedarf auf Fachkräfte zurück statt diese durchgehend für den Fall der Fälle anzustellen. Mit dieser Flexibilisierung der Belegschaft überträgt sich aber auch ein Teil des Geschäftsrisikos auf die freien Mitarbeiter.

Und die können dann von überallher zuarbeiten?

Arnold Picot: Durch die weltweite Vernetzung und Virtualisierung vieler Tätigkeiten senken sich die Eintrittsbarrieren zum Arbeitsmarkt. Damit haben wir heute in vielen Bereichen einen nahezu globalen Arbeitsmarkt. Bewerber aus Indonesien und Oberbayern konkurrieren um denselben Auftrag. Über Crowdworking-Plattformen im Internet werden weltweit Aufträge an Freelancer vermittelt. Es gibt Hunderttausende, wenn nicht Millionen Menschen, die so Arbeit finden. Manche sehen darin eine Entwicklung zurück in den Taylorismus, die hoch arbeitsteilige Welt. Das stimmt teilweise; sogenannte Crowdworker übernehmen arbeitsteilige Aufgaben, die Maschinen nicht leisten.

Welche Tätigkeiten sind das?

Arnold Picot: Die Arbeitswelt polarisiert sich. Es gibt eine ganze Reihe von kognitiv sehr anspruchsvollen Tätigkeiten, die dem Menschen vorbehalten sind. Dort, wo sehr schwierige planbare Aufgaben zu erledigen, Erfahrung, assoziatives Denken und soziale Interaktion nötig sind, wird Automatisierung kaum möglich sein. Das gilt auch für einige manuelle Arbeiten, die kaum im Detail planbar sind, etwa im Kunsthandwerk oder bei häuslichen Dienstleistungen. Gefährdet sind all jene Berufe, zu denen sehr routinemäßige Tätigkeiten gehören, wie etwas sortieren, suchen oder berechnen. Es gab schon in den 1970er Jahren die Sorge, dass Arbeit überflüssig wird. Mit Blick auf die Geschichte ist durch die technische Entwicklung wohl eher mehr als weniger Arbeit entstanden. Einerseits entlastet die Technik den Menschen, aber andererseits entstehen neue Arbeitsprozesse und Dienstleistungen. Niemand hätte vor 20 Jahren die Bedeutung von Social Media vorhergesagt, und heute steckt dahinter eine ganze Industrie. Die Digitalisierung wird neue Räume und damit auch Tätigkeitsfelder eröffnen, an die wir heute nicht denken können.

Welche Implikationen hat das für die Berufsausbildung?

Arnold Picot: Die Qualifikationen, die man benötigt, ändern sich sehr stark. Es kommt darauf an, den Auszubildenden Fähigkeiten zu vermitteln, die nicht so einfach automatisiert werden können, wie Koordination, Projekt-Management und kommunikative Skills. Es kann nicht sein, dass junge Leute heute für Tätigkeiten ausgebildet werden, die es morgen nicht mehr gibt. Die Leistung von Rechnern und die Möglichkeiten der Übertragung sowie Speicherung von Daten werden sich weiterhin exponentiell steigern. Die technologischen Sprünge, die jetzt stattfinden, sind wesentlich gravierender als die, die wir vor 20 Jahren erlebt haben. Dadurch ergeben sich auch ständig neue Anwendungsmöglichkeiten und Unterstützungspotenziale, die zukünftig eine noch schnellere Anpassung der Bildungsinhalte erfordern könnten.

Wie wird sich dadurch das Verhältnis von Arbeit und Privatleben verändern? Schon heute fällt es vielen schwer, nicht auch noch abends zu Hause die Job-E-Mails zu lesen.

Arnold Picot: Die Trennung von Arbeit und Nichtarbeit ist eine relativ junge Erfindung. Sie ist im 18. Jahrhundert mit den Manufakturen entstanden. Damals hat sich die Vorstellung durchgesetzt, dass Arbeit damit verbunden ist, in ein Büro oder in eine Fabrik zu gehen. Zuvor waren produktive und nicht produktive Tätigkeiten viel stärker verwoben, beispielsweise in der Landwirtschaft. Wir müssen die Situation, dass Arbeiten und Nichtarbeiten nah beieinander sind, beherrschen lernen. Das funktioniert nicht dadurch, dass man den Mitarbeitern verbietet, sonntags geschäftliche E-Mails zu schreiben. Die Möglichkeit, Arbeitsprozesse selbst zu bestimmen, wird zunehmen und wird den Beschäftigten auch zugestanden werden müssen. Es ist ja nicht so, dass dadurch weniger gearbeitet wird. Im Gegenteil: Heute arbeiten alle unterwegs, im Zug oder am Flughafen. Da ist ein hohes Maß an Autonomie und Individualität dabei. Es gibt auch Studien, die zeigen, dass viele Menschen diese Freiheit und Selbständigkeit durchaus wünschen und als wesentliches Element ihrer Lebensgestaltung sehen.

Ständig erreichbar zu sein und von überall arbeiten zu können, stresst aber auch viele.

Arnold Picot: Wir müssen lernen, uns Freiheitsgrade zu nehmen und Methoden zu entwickeln, wirklich Dringendes zu erkennen. Das haben wir auch beim Telefon gelernt. Früher ist man hingerannt, um ja nichts zu verpassen. Heute gibt es einen Anrufbeantworter, und viele sind nur dann erreichbar, wenn sie es möchten. Das wird mit der neuen Technik auch geschehen. Es ist eine Frage des Lernens und möglicherweise auch eine Generationenfrage.

Dabei setzt die sogenannte Generation Y, also die ab etwa 1980 Geborenen, ja angeblich auf Sicherheit und Zeit für die Familie.

Arnold Picot: Die Generation Y ist eine Schimäre. Es gibt so etwas vielleicht unter jungen Menschen, die in Berufsfeldern tätig sind, wo sie stark nachgefragt werden, etwa in der Wirtschaftsprüfung und großen Anwaltskanzleien. Aber ein großer Teil der jungen Berufstätigen, die auch gut ausgebildet sind, arbeitet prekär. In Medienberufen etwa sind immer mehr als Freelancer tätig und müssen sich mit den unsicheren Arbeitsbedingungen zurechtfinden.

Was bedeutet das für die Sozialversicherung, wenn es immer mehr Freelancer gibt?

Arnold Picot: Die Hoffnung, dass man das Rentensystem aus klassischen Angestelltenverhältnissen finanzieren kann, ist trügerisch, mal abgesehen vom demografischen Wandel. Es wird nicht genügend Angestellte geben, die einzahlen. Da sind andere Länder schon viel weiter, etwa die Schweiz, wo auf alle Einkünfte Sozialabgaben erhoben werden. In Deutschland müssen sich Freelancer noch freiwillig selbst versichern und für ihr Alter vorsorgen. Das wirft auch die Frage nach Mindestlöhnen auf, damit nicht ein Heer digitaler Tagelöhner entsteht. (hk)

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