Nervöse Anleger an der Wall Street vermasseln DV-Highflyern die Show:

An der Börse zählen Gerüchte mehr als Fakten

28.08.1987

NEW YORK - Manhattan Süd, Wall Street, Finanzmetropole der westlichen Welt: Für Leute, die zuverlässige Informationen aber die Entwicklung der Computerindustrie suchen, ist dies hier im Sommer 1987 der schlechteste Platz der Welt. Denn die Leute, die über das Wohl und Wehe der (DV-)Konzerne entscheiden, lassen sich nur selten von fundierten Analysen leiten.

Unlängst zogen die Control-Data-Aktien an der New York Stock Exchange kräftig an; jemand hatte in Wall-Street-Kreisen das Gerücht in Umlauf gebracht, der Konzern stehe zum Verkauf. Der Kurs der NEC-Papiere stürzte hingegen ab, weil eine japanische Zeitung eine unbestätigte Meldung gebracht hatte, das Unternehmen könnte in eine Exportkontrolluntersuchung verwickelt werden. Die IBM schließlich bekam an der Börse einen kräftigen Dämpfer, weil sie die Prognosen der Analysten verfehlt hatte - es stellte sich heraus, daß die Big-Blue-Aktie wegen zu optimistischer Schätzungen des Quartalsergebnisses wochenlang überbewertet worden war.

Diese drei aktuellen Beispiele belegen recht anschaulich das seltsame Mißverhältnis zwischen den Aktivitäten an der Börse und der nüchternen Wirklichkeit in den betreffenden Unternehmen. Daß der Kreislauf des Kapitalmarkts einen wesentlichen Antrieb aus windigen Gerüchten bezieht, ist freilich nicht neu.

Der Smalltalk hinter den Kulissen stieg im Kurs

Heute, im Jahr nach den großen Insider-Trading-Enthüllungen, ist die Computerindustrie besonders empfänglich für die vielfältigsten Gerüchte; daß offiziell in der Vergangenheit zuviel gelogen wurde, erhöht paradoxerweise die Glaubwürdigkeit des inoffiziellen Geredes. Der typische High-Tech-Geldgeber ist in einer Verfassung, die ihn vollkommen unberechenbar macht: Er ist nervös. Sehr viele Anleger waren mit Titeln wie Daisy Systems, Floating Point oder Commodore auf die Nase gefallen. Obwohl die Talsohle von 1985/86 längst durchschnitten ist, hat sich seitdem das Vertrauen in Boom-Aktien von DV-Firmen nicht wirklich stabilisiert.

In den ersten Monaten dieses Jahres riß allerdings die allgemeine Kauflust der Kapitalanleger etliche Technologiefirmen mit, zumal sich eine Erholung der DV- und Elektronikbranche abzeichnete. Ein ganzer Schwung von Neu-Emissionen rollte auf den Markt; darunter war der "Pagemaker"-Anbieter Aldus Corp., der den seit der Börseneinführung von Microsoft größten Kurssprung eines Neulings am Ausgabetag schaffte. Obwohl die Hausse an der Wall Street angesichts der positiven Entwicklung der Unternehmen durchaus gerechtfertigt war, reagierten viele Börsianer hysterisch: Sie zogen beim ersten Anzeichen einer Abwärtsentwicklung schon die Notbremse und entschieden sich für eine Gewinnmitnahme, um jedes Risiko zu vermeiden.

Eines dieser Warnzeiche war die Ankündigung von IBMs System /2, Den Aktionären von Unternehmen aus dem MS-DOS-Umfeld wurde plötzlich der Boden zu heiß. Sie stießen ihre Beteiligungen ab. Überhaupt neigt dieser Markt dazu, den Kurs einer an sich soliden Computerfirma zusammenkrachen zu lassen, wenn bloß die Wachstumskurve ein wenig abflacht.

So erging es beispielsweise Cray und Alliant, zwei Unternehmen mit einem allseits gelobten Management und Produkten, die auch langfristig einen sicheren Stand auf dem DV-Markt versprechen. Der Kurs der Cray-Aktie, zuvor auf mehr als 135 Dollar, sank nach der Veröffentlichung des letzten Quartalsergebnisses auf runde 100 Dollar. Alliant trat es noch schwerer mit einem Rück gang von 37 auf unter 20 Dollar.

Nicht zuletzt hinterließ auch die Serie von Firmenübernahmen ihre Spuren in der Börsenlandschaft, in der jeder Welle von Fusionen eine Welle von Fusionsgerüchten hinterherschwappt. So ist auch das an sich lächerliche Phänomen zu erklären, daß der CDC-Kurs von aus der Luft gegriffenen Parolen in die Höhe getrieben wurde. Dieses Gerücht wird wohl seinen Platz finden in dem, was die Amerikaner sarkastisch als "Nonnews Hall of Fame" bezeichnen, die Ruhmeshalle der Un-Nachrichten. Dort sind bereits Schlagzeilen ausgestellt wie "AT&T kauft Wang (DEC)", "Ford (NCR) kauft Sperry" oder - noch recht frisch - "Prime kauft Data General".

Was von den Informationen zu halten ist, nach denen sich die Spekulanten richten, sprach nach dem besagten Kursrutsch von NEC ein Börsenhändler unverblümt aus: "Gerüchte haben mitunter einen vielen stärkeren Einfluß auf den Kurs als Tatsachen."