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Neuer Gründergeist

Amerikanische Journalisten wagen digitale Abenteuer

19.03.2014
Die neuen Pioniere von Amerika: In den USA kündigen renommierte Reporter ihre Festanstellungen und wagen eigene Internetprojekte.

Unter amerikanischen Journalisten gibt es einen neuen Gründergeist. Viele bekannte Medienpersönlichkeiten haben in letzter Zeit ihre renommierten Nachrichtenhäuser verlassen, um eigene Ideen im Internet umzusetzen. Ezra Klein ist so ein Beispiel. Anfang des Jahres wechselte der junge Star-Blogger der "Washington Post" zu einem rein digitalen Medienunternehmen. Bei "Vox Media" leitet er ein neues Projekt, das noch dieses Jahr online gehen soll.

Klein, den die "Post" selbst als "Blogger-Wunderkind" bezeichnete, war 2009 im Alter von 24 Jahren zu der renommierten Zeitung gekommen. Dort baute er mit acht Mitarbeitern einen Blog zu Politik- und Wirtschaftsthemen auf und sammelte erfolgreich Klicks für den Online-Auftritt des traditionsreichen Zeitungshauses.

Die Macher von "re/code" hatten sich ihre Namen beim "Wall Street Journal" und dessen Blog-Ableger "All Things Digital" gemacht.
Die Macher von "re/code" hatten sich ihre Namen beim "Wall Street Journal" und dessen Blog-Ableger "All Things Digital" gemacht.

Er ist nicht der Erste. Zwei langjährige Autoren des weltweit gelesenen "Wall Street Journals" kündigten ihren Job, um Anfang des Jahres eine Website für Technik-Themen ins Netz zu stellen. Auch die "New York Times" hat Mitarbeiter eingebüßt: Nate Silver, der als treffsicherer Wahlvorhersager über US-Grenzen hinaus Bekanntheit erlangte hatte, baut derzeit sein Statistik-Blog mit neuen Geldgebern aus.

Kolumnist David Pogue schreibt seit vergangenem Herbst für ein digitales Startup von Google-Konkurrent Yahoo. Und Anfang des Monats gab die "Times" bekannt, ihr langjähriger Chefredakteur und Pulitzer-Preisträger Bill Keller werde das Haus verlassen - ebenfalls für ein neues Online-Projekt.

Ezra Klein kritisierte nach Bekanntwerden seines Wechsels, die etablierten Medien würden die Möglichkeiten des Internets nicht ausschöpfen. "Wir haben die Begrenzungen der alten Technologie auf eine neue übertragen." Zwar sei verständlich, dass eine Tageszeitung aus Platzgründen vor allem nur das Aktuellste liefern könne. Aber "im Internet gibt es diese Einschränkungen nicht." In seinem neuen Projekt will sich Klein daher auf Hintergrund-Berichterstattung konzentrieren.

Amerikanischen Medien zufolge hatte Klein seine Idee zuerst der "Post" angeboten. Über drei Dutzend Mitarbeiter und ein Budget von mehr als 10 Millionen Dollar sollen seine Planungen beinhaltet haben. "Er hat eine Menge Geld verlangt", sagt Jan Schaffer, Dozentin für Medien-Unternehmertum an der American University in Washington. Vergeblich.

"Womöglich haben sie sich (bei der Post) gedacht: Auf der Welt gibt es noch mehr Ezra Kleins", sagt Schaffer. Zurzeit befinde sich das traditionsreiche Zeitungsunternehmen in einer Orientierungsphase: Vergangenes Jahr hatte Amazon-Gründer Jeff Bezos die "Post" für 250 Millionen Dollar gekauft. Hundertprozentig klar sind seine Pläne als Verleger noch nicht.

Ob es eine schlaue Idee der "Post" war, Klein ziehen zu lassen, wird sich zeigen. Vor einigen Jahren hatte sie den Vorschlag zweier Mitarbeiter abgelehnt, ein Online-Portal für Politikthemen aufzubauen. John Harris und Jim VandeHei gründeten schließlich Anfang 2007 auf eigene Faust "Politico".

Das digitale Experiment "Politico" wirbelte den Hauptstadt-Journalismus durcheinander: Gut informiert und hintergründig, gilt das Online-Portal in Washington heute als Pflichtlektüre in Sachen Politik. Bis zu fünf Millionen Besucher erreiche die Webseite monatlich, so "Politico". Mittlerweile gibt es sogar eine Version auf Papier: Das Magazin hat eine Auflage von rund 35.000 Exemplaren.

Jessica Lessin, ebenfalls ex-"WSJ", hält ihre Geschichten für so exklusiv, dass sie für das Abo von "The Information" 400 Dollar im Jahr verlangt.
Jessica Lessin, ebenfalls ex-"WSJ", hält ihre Geschichten für so exklusiv, dass sie für das Abo von "The Information" 400 Dollar im Jahr verlangt.

Die Zukunft des Journalismus sei aber digital, ist Schaffers Überzeugung: "Die Tage der Print-Produkte sind gezählt - es ist einfach zu teuer." Ohne viel Aufwand oder Investitionen könne sich heute jeder im Netz journalistisch ausprobieren. Um Erfolg zu haben, zählt laut Schaffer aber nicht nur Kreativität: "Dahinter muss auch eine Geschäftsidee stecken." Die frühere "Wall-Street-Journal"-Journalistin Jessica Lessin hat eine - für ihr Portal "The Information" mit exklusiven Hintegrundgeschichten aus der Technologiebranche kostet das Abo 400 Dollar im Jahr. Ob sich genug zahlende Kunden finden, ist derzeit noch unklar. (dpa/tc)