AWS-Messe Re:invent

Amazon setzt Zeichen in der Public Cloud

Alexander Roth leitet als Geschäftsführer die Geschicke und die Redaktion von Evernine. Der mit Prädikatsdiplom ausgestattete Volkswirt wechselte 2004 in die Medienbranche, wo er zuerst beim Wirtschafts- und Polittalksender Air America Radio in New York City in der Recherche tätig war und in einem weiteren Schritt, wieder zurück in Deutschland, eine zweijährige Festanstellung beim Computerzeitschriftenverlag IDG (u.a. PC Welt, Computerwoche, ChannelPartner) inklusive Volontariat absolvierte. Auch ein Besuch der Akademie der Bayerischen Presse (ABP) gehörte zu seiner Ausbildung. 2007 gründete der heute 36-jährige Münchner das Redaktionsbüro Alexander Roth, das er zwischen 2010 und 2011 in die Evernine GmbH umwandelte.

Amazon hat auf der AWS-Hausmesse "Re:invent" in Las Vegas neue Produkte und seine Cloud-Strategie vorgestellt. In Deutschland tut sich die Sparte mit seinem IaaS- und PaaS-Ansatz indes noch schwer.
Foto: Amazon

Auf der Re:invent, die zum zweiten Mal in Las Vegas stattfand, hat Amazon.com mit seinem Cloud-Business Amazon Web Services (AWS) deutlich gemacht, wie es sich das Cloud Computing der Zukunft vorstellt. Rund 8000 Besucher hatten sich eingefunden, überwiegend Kunden der AWS-Sparte, deren Jahresumsatz Analysten auf zirka dreieinhalb Milliarden Dollar Umsatz schätzen.

Amazon hat den Markt für Computing- und Speicher-Services (Infrastructure as a Services = IaaS) derzeit fest im Griff, hier ist der weltgrößte Online-Händler Marktführer. Sein Augenmerk richtet AWS nun verstärkt auf das Segment der PaaS-Dienste (Platform as a Service), bei denen es um Anwendungsentwicklung sowie die Bereitstellung von Datenbank-, Analytics-, Virtual-Desktop- und weiterer Services geht.

Etwa 200 neue Dienste in den Bereichen IaaS und PaaS hat Amazon allein im laufenden Jahr eingeführt. Zudem konnte das Unternehmen dem Wettbewerber IBM eine schallende Ohrfeige verpassen, als die AWS-Sparte im Herbst 2013 den Bieterkampf um einen Großauftrag der C.I.A. gewann - unter größter öffentlicher Aufmerksamkeit.

Erfolg im Public Sector

Andy Jassy, Chef vom Amazons AWS-Sparte: Die Private Cloud sei etwas archaisches, AWS bleibe ausschließlich in der Public Cloud.
Andy Jassy, Chef vom Amazons AWS-Sparte: Die Private Cloud sei etwas archaisches, AWS bleibe ausschließlich in der Public Cloud.
Foto: Amazon

AWS-Chef Andy Jassy berichtete von einer weltweit mittlerweile sechsstelligen Kundenzahl. Allein im Öffentlichen Sektor zähle AWS 600 Behörden und 2.400 akademische Einrichtungen zu seinen Kunden. Hinzu kämen 3.000 Consulting- und knapp 2.000 Technologiepartner, mit denen der Konzern zusammenarbeite. Diese Zahl will Amazon nun im Rahmen einer neuen Partnerinitiative weiter ausbauen. Zusammengearbeitet werden soll mit Trainings- und Supportpartnern, die mit weitreichenden Kompetenzen ausgestattet werden sollen. Vor allem klassische mittelständische IT-Dienstleister hat Amazon dabei im Auge. Jassy betonte auch die Zahl der kooperierenden Technologieanbieter ausbauen zu wollen.

Diese Partner werden es mit einem deutlich verbreiterten AWS-Angebot zu tun bekommen. Derzeit beinhaltet es unter anderem Mietmodelle in den Bereichen Server (Elastic Compute Cloud = EC2), Storage (Simple Storage Service = S3), Big Data (DataWarehouse Redshift), Datenbank (Relational Database service = RDS)sowie Anwendungsentwicklung und -Bereitstellung (zum Beispiel AWS Elastic Beanstalk).

Existenzgründer im Blick

Vor allem Startups spielen eine wichtige Rolle im AWS-Angebot: Mit "AWS Activate" bietet Amazon seit einiger Zeit ein eigenes Paket von Angeboten speziell für junge Unternehmen und Existenzgründer (siehe Amazon lockt Startups in die Amazon-Cloud).

Hervorzuheben ist der in Las Vegas vorgestellte Service "Amazon Workspaces": Mit dem Managed Desktop Service sollen Kunden einfach Cloud-basierte Desktops provisionieren können. Anwendern aller Endgerätetypen - Notebooks, iPads, Kindle Fire, Android Tablets etc. - erhalten eine Arbeitsumgebung, in der sie ihre Dokumente, Dateien, Anwendungen und Ressourcen aus der Cloud nutzen können.

Laut Amazon liegen die Kosten bei rund der Hälfte heute gängiger VDI-Lösungen (VDI= Virtual Desktop Infrastructure). Kompatibilität zu Microsofts Active Directory sei gegeben, was den Dienst für junge Firmen, die noch keine eigene Infrastruktur im Haus hätten, besonders interessant mache.

Ein weiterer Höhepunkt auf der Re:invent war die Ankündigung, den AWS-Marktplatz weiter auszubauen. Mittlerweile finden sich dort mehr als 1.100 vorkonfigurierte Softwarelösungen aus den Bereichen Software-Infrastruktur, Entwicklungs-Tools und Business-Software. In Las Vegas stellten viele Partnerfirmen neue AWS-Services und -Angebote vor, darunter beispielsweise Citrix, Intel, SAP, VMware, F5 Networks und NetApp.

Absage an Private Cloud

Eine Initiative fehlt allerdings im AWS-Angebot, und das wird auch so bleiben, wie auf der Re:invent deutlich wurde: Modelle und Angebote für das gerade in Deutschland so geschätzte Private-Cloud-Computing bleiben tabu. Alle AWS-Verantwortlichen stellten in klar, dass dies nicht der Weg von Amazon sein werde - im Gegenteil: "Archaisch" war das Wort, dass Jassy und Kollegen im Zusammenhang mit Private Cloud immer wieder nutzten. Das firmen- beziehungsweise kundeneigene Data Center hat in Amazons Plänen keinen Platz.

Der deutsche Markt zickt

Während hierzulande viele Firmen im Private-Cloud-Modell die Antwort auf allgegenwärtige Sicherheitsfragen sehen, setzt Amazon ohne wenn und aber auf die Public Cloud - sowohl was Infrastruktur- als auch Plattformdienste betrifft. So verwundert es nicht, dass viele deutsche Consulting-Partner von AWS in ihren Webauftritten Amazon gar nicht oder nur unauffällig als Referenz oder Industriepartner nennen. Und das ist schon beachtlich: Amazon zählt in Deutschland eine dreistellige Partnerzahl.

Dabei tut Amazon für die Sicherheit nicht weniger als andere US-Anbieter. AWS bietet etliche State-of-the-Art-Sicherheitsmodelle für sein IaaS- und PaaS-Angebot an, Kunden können sich für Serverdienste ausschließlich aus dem europäischen Rechtsraum entscheiden. Dazu kommen Verschlüsselungsmöglichkeiten für abgelegte Daten und eine Reihe weiterer Features.

Amazons schlechtes Image in Deutschland

Keine Frage, Amazon hat in Deutschland kein besonders gutes Image. Die Diskussion um Arbeitsbedingungen in den Auslieferungslagern des Online-Händlers hat sicher dazu beigegetragen. Auf der anderen Seite schätzen die Kunden aber auch hierzulande die günstigen Preise: Erwirtschaftete Gewinne werden gleich wieder in Preissenkungen gesteckt - seit dem AWS-Start im Jahr 2006 wurden die Preise 38 mal gesenkt.

Dazu kommt die hohe Flexibilität und Schnittstellenstärke des Angebots - etwa im Vergleich zum Wettbewerber Microsoft, der allerdings ebenfalls nachgezogen hat und seine Cloud-Plattform Azure erst vor wenigen Monaten deutlich ausgebaut und vergünstigt hat. In Sachen Flexibilität, da sind sich Kunden wie Marktbeobachter einig, sind jedoch die Amazon-Angebote nahezu konkurrenzlos.

Deutsche Partner neigen dazu, ihre Zusammenarbeit mit Amazon nicht an die große Glocke zu hängen, auch wenn es hierzulande einige Kunden von Rang gibt, beispielsweise die Hotelkette Kempinski. Der Probleme in Deutschland scheint man sich bei Amazon bewusst zu sein und versucht, gegenzuwirken: So war es sicher kein Zufall, dass sich Amazon ausgerechnet den Standort Deutschland für die Gründung eines AWS-Entwicklungszentrums in Europa auswählte.

Da Amazon ohnehin kaum Zahlen zum AWS-Geschäft veröffentlicht - die geschätzten drei bis vier Milliarden Umsatz für 2013 stammen von externen Analystenhäusern - gibt es natürlich auch zum deutschen Geschäft keine Zahlen. Klar ist aber: Im weltweiten und im deutschen IaaS-Markt ist Amazon unangefochten vorn, wie Marktforscher immer wieder bestätigen. Nicht viel anders sieht es im PaaS-Markt aus - auch hier liegt Amazon gemeinsam mit Salesforce.com, Microsoft und Google laut einer Erhebung der Experton Group in Deutschland an der Spitze. Hier helfen offenbar die vielen Technologieschnittstellen - etwa in die SAP-Welt.

Wohin geht die Reise?

Amazon zufolge stehen sowohl der weltweite IaaS- als auch der PaaS-Markt immer noch am Anfang. "We are still in the relative beginning", betonte AWS-Chef Jassy auf der Konferenz. Blickt man auf das Enterprise-Geschäft, hat der Manager in jedem Fall recht: Amazon rückt hier mit seinem wachsenden Angebot immer mehr in die Liga der großen Unternehmen vor.

Allerdings bleiben zwei große Probleme: Solange Amazon seinen Fokus allein auf die Public-Cloud legt, wird es schwierig, im großen Stil Terrain in deutschen Unternehmen gut zu machen. Zudem ist unklar, ob das vorhandene Netzwerk aus Service-, Technologie- und Integrationspartnern ausreicht.

Zudem verschärft sich das Wettbewerbsumfeld. Viele Konkurrenten Amazons, die auch Hybrid- und Private-Cloud-Szenarien unterstützen, rüsten derzeit intensiv auf - und öffnen sich für die Cloud-Welt (siehe etwa: Microsoft: Kampfansage an Amazon). Bislang beeindrucken solche Ankündigungen Amazon wenig: Die Re:invent in Las Vegas lässt sich als eindrucksvolle Machtdemonstration im Cloud-Markt interpretieren.

AWS-News von der Re:Invent aus Las Vegas

Ausbau des AWS-Partnerprogramms: Einführung neuer Kompetenzen (für Microsoft Exchange, SAP, und Oracle Anwendungen im Rahmen von AWS) sowie neue Partner-Benefits. Weitere Informationen finden Sie hier.

Ausbau des AWS Marktplatzes: Mittlerweile finden sich über 1.100 vorkonfigurierte Software-Lösungen aus 24 Kategorien im AWS Marktplatz. In Las Vegas stellten viele Partnerfirmen ihre neuen AWS-Services und -Angebote vor, darunter Citrix, Intel, SAP, VMware, F5 Networks, NetApp, Eucalyptus, RightScale, CliQR, Sophos und CipherCloud.

Amazon Workspaces: Ab sofort hat Amazon einen Managed-Desktop Service im Programm. Der Service ist kompatibel zu verschiedenen Gerätetypen (Notebooks, Ipads, Kindle Fire & Android Tablets) und beinhaltet cloud-basierendes Dokumenten- und Medienmanagement auf Basis von Microsoft Office, Firefox Adobe Reader und weiterer Applikationen, Kompatibilität zu MS Active Directory ist gegeben. Weitere Informationen finden Sie hier.

Amazon Appstream ist ein Dienst, der das Streaming von Ressourcen-intensiven Anwendungen und Spiele ermöglicht, die eigentlich nicht dafür gestaltet wurden. Auf Basis der AWS-Infrastruktur werden die Daten für verschiedene Gerätetypen (Desktop, Tablets Smartphones) gerendert und je nach Bedarf aufgesplittet. Weitere Informationen finden Sie hier.

AWS Cloudtrail: Dabei handelt es sich um einen Dienst für Entwickler und IT-Abteilungen, mit dem sich die Schnittstellen-Anfragen von AWS-Applikationen tracken und unmittelbar in der S3 Storage Umgebung ablegen lassen. (hv/jha)