Fachkonferenz "Homer 3.0"

Amazon in den Startlöchern für E-Book-Vertrieb in Deutschland

04.11.2010
Nach Musik und Film wird auch das Buch digital. Unterschiedliche Geräte und Vertriebsportale werben um Leser.

"Die Buchkultur befindet sich in einem immensen Transformationsprozess, der die gesamte Branche nachhaltig verändern wird" - so heißt es zum Auftakt der zweitägigen Fachkonferenz "Homer 3.0", die am Donnerstag in Berlin eröffnet wurde. In welche Richtung die "Odyssee des Buches im digitalen Zeitalter" geht, kann bislang niemand sagen. Bei den digitalen Vertriebsplattformen steht Amazon in den Startlöchern für den deutschen Markt, dahinter lauert Google.

Der Kindle von Amazon - in den USA ein Riesenverkaufsschlager.
Der Kindle von Amazon - in den USA ein Riesenverkaufsschlager.
Foto: Amazon.com

Der E-Book-Reader hat in Deutschland bislang noch keinen Massenmarkt gefunden - anders als in den USA. Dort hat sich Amazon mit seinem Kindle einen geschätzten Marktanteil von 70 Prozent im E-Book-Geschäft gesichert. In der Branche wird erwartet, dass Amazon Anfang 2011 ein deutschsprachiges E-Book-Angebot starten will. Teilnehmer des Kongresses in Berlin sagen, derzeit gebe es Verhandlungen zwischen Amazon und Verlagen in Deutschland - dabei dürfte es auch um das Thema Buchpreisbindung gehen. Bisher können bei Amazon nur E-Books auf Englisch gekauft werden, teilweise mit erheblichen Preisabschlägen im Vergleich zur gedruckten Ausgabe.

Der Kindle ist seit kurzem in der dritten Generation verfügbar, mit einem größeren Speicher von 4 Gigabyte und zu einem niedrigeren Preis von 139 Dollar (rund 100 Euro). Hauptvorteil dieser auch von Sony und anderen Herstellern angebotenen Geräte mit einem Bildschirm in der E-Ink-Technik ist die lange Akku-Laufzeit, da nur beim Umblättern Strom verbraucht wird. Der größte Nachteil ist die Beschränkung auf Graustufen.

Marktforscher wie das britische Institut Informa Telecoms & Media erwarten eine "Verschiebung von speziellen Geräten wie E-Readern zu multifunktionalen tragbaren Geräten wie dem iPad und dem Samsung Galaxy Tab". Auch Amazon setzt nicht mehr nur auf das eigene Gerät, sondern hat seine Software ebenso auf Tablet-Computer und Smartphones sowie auf Mac und Windows-Computer gebracht.

E-Ink-Displays wie das des Kindle können nur relativ wenige Graustufen darstellen.
E-Ink-Displays wie das des Kindle können nur relativ wenige Graustufen darstellen.
Foto: Amazon

"Die Tablets werden als Allrounder wahrscheinlich eher das Massenmarktgerät werden", sagt Bernhard Mischke, der auf dem Berliner Kongress die von ihm geführte Plattform pubbles.de vorstellt, ein gerade erst gestartetes Portal der Bertelsmann-Gruppe für den Vertrieb von digitalen Büchern, Zeitungen und Magazinen. Aber auch die E-Book-Reader haben nach Ansicht Mischkes für Bücher und Zeitungen eine Zukunft: "Die intensiven Buchleser werden E-Ink-Devices bevorzugen." Nur bei Magazinen stoßen Kindle und Co an ihre Grenzen: "Ein optisch aufwendig gestaltetes Magazin liest man nicht auf einem E-Reader."

Der Trend zu den E-Books wird offenbar von einem veränderten Leseverhalten unterstützt. Der Mainzer Buchwissenschaftler Christoph Bläsi sprach auf dem Berliner Kongress von Zooming, Zapping und Parallel-Lesen: Der Leser hangle sich von Text-Häppchen zu Texthäppchen, mal gehe er in die Tiefe, mal springe er einfach weiter. Je größer der Bildschirm des Lesegeräts, desto länger werde am Stück gelesen. Für das Häppchen-Lesen reiche das Smartphone aus, längere Texte würden auf dem iPad oder auf dem E-Book-Reader gelesen.

Für die iPad-App der Tageszeitung "Die Welt" nennt Christoph Keese, Konzerngeschäftsführer für Public Affairs bei der Axel Springer AG, eine durchschnittliche Nutzungszeit von täglich 15 bis 20 Minuten. "Das iPad wird als Lesemedium wirklich angenommen."

Noch etwas Zeit braucht der Internet-Gigant Google mit seiner Buch-Vertriebsplattform Editions. In den USA soll es in diesem Jahr losgehen, in Deutschland 2011. Hier sollen die Inhalte grundsätzlich nur online gelesen werden - die E-Books bleiben in der "Cloud", der großen "Wolke" aus vielen Internet-Servern.

Für die Anbieter von Büchern, Magazinen und Zeitungen stellt sich damit die Frage nach dem idealen Partner. Die meisten haben eine "Multi-Channel-Strategie" im Blick. "Als Verleger ist jeder Kanal, über den ich meine E-Books vertreiben kann, willkommen", sagt Alexander Schug vom Vergangenheitsverlag in Berlin. "Schlecht wäre, wenn der Riese Amazon zu viel Potenzial abschöpfen und für den Markt bestimmend werden würde." (dpa/tc)