Die bayerische Landeshauptstadt als Zentrum der Hochtechnologie

Am Puls der Zeit

23.10.2000
Von Helga Ballauf
München ist weltweit das Synonym für Bier, Oktoberfest und Gemütlichkeit. Mittlerweile hat sich das "Millionendorf" aber auch zu einem führenden Zentrum der Informations-, Telekommunikations- und Medienwirtschaft gemausert. Hochqualifizierte Fachleute sind rar. Die Gehälter liegen oft über dem Durchschnitt.

London - München - Paris. Ein attraktiver Platz für die "heimliche Hauptstadt" Deutschlands zwischen der britischen und der französischen Metropole. Nicht um Shopping und Mode, Kunst und Glamour geht es: München ist der zweitwichtigste europäische IT-Standort, sagt McKinsey & Company. Rund 70 000 Beschäftigte verdienen nach Angaben des Beratungshauses in der bayerischen Landeshauptstadt ihren Lebensunterhalt in einem Unternehmen der Informations- und Kommunikationsindustrie.

Münchner Wahrzeichen aus neuer Perspektive
Münchner Wahrzeichen aus neuer Perspektive

Nur der Raum London mit fast 100 000 Arbeitsplätzen und die beiden legendären US-amerikanischen IT-Zentren Silicon Valley mit 207 000 und Boston/Route 128 mit 118 000 Beschäftigten rangieren laut McKinsey vor der süddeutschen Stadt an der Isar. Kein Wunder, dass alle gerne diese Zahlen übernehmen und von "Isar-Valley" schwärmen - die christsoziale bayerische Staatsregierung ebenso wie die rot-grüne Münchner Stadtspitze.

Die McKinsey-Studie folgt einer strengen Interpretation des Begriffs "IuK-Cluster" und nimmt nur Mikroelektronik-, Hardware- und Software-Unternehmen unter die Lupe. Die Produzenten digitalisierter Inhalte - also der gesamte Mediensektor - bleiben außen vor. Dabei sind die Wirtschaftsbereiche längst nicht mehr sauber zu trennen. Gut 100 000 Arbeitsplätze kommen in der Region München zu den 70 000 "harten" IT-Stellen dazu, wenn man Telekommunikation, Informationsstechnologie, Medienwirtschaft und Elektronik - den sogenannten Time-Sektor - als Einheit betrachtet.

München, Olympiastadion
München, Olympiastadion

Immerhin gilt München nach New York als zweitgrößte Buchverlagsstadt der Welt. Im harten bundesdeutschen Wettbewerb um das Prädikat "Medienstandort Nummer eins" hat die Millionenstadt die Nase vorn. Wer die Wachstumsmöglichkeiten und die künftigen Beschäftigungschancen in der Region richtig einschätzen will, kommt an einer Gesamtschau, wie sie hinter der Cluster-Philosophie steckt, nicht vorbei. Und die heißt: Wirtschaftlich dynamische und technologisch innovative Zentren haben einen Fertigungs- und Dienstleistungskern, um den herum und mit dem vernetzt sich weitere Entwicklungs-, Herstellungs- und Vermarktungsunternehmen gruppieren. Eine gut ausgebaute Infrastruktur, qualifiziertes Personal, Forschungs- und Entwicklungskapazitäten sowie ein Ambiente, das hohe Lebensqualität ermöglicht, sind die Voraussetzungen der "Weltstadt mit Herz", sagen nicht nur Gutachter und Politiker. "In einer Großstadt leben und trotzdem auf der Straße Freunde treffen, tagsüber im Job engagiert sein und abends im Biergarten entspannen, mal eben ins Deutsche Museum schauen oder mit dem Radl den Englischen Garten durchqueren - das ist München." Diese Zeilen hat nicht die Fremdenverkehrszentrale der Oktoberfest-Stadt entworfen.  Wer wichtig ist in der globalisierten Welt der Daten und Netze, der steht im Branchenverzeichnis der Stadt München: Apple, Compaq, CompuserveIntel, Lotus, Microsoft, Netscape, Oracle, Ocè, Siemens, Texas Instruments, Sun Microsystems, Viag Intercom. Dazu kommen schnell wachsende und innovative Firmen der Branche.

In ihrer jüngsten Studie hat die bayerische Staatsregierung 805 IT-Unternehmen in der Region gezählt. Ein Drittel der 25 größten deutschen Datenverarbeitungs-, Beratungs- und Softwareunternehmen hat demnach seinen Sitz in und um München. Jeder zehnte Beschäftigte der deutschen DV- und Elektronikindustrie arbeitet in diesem Wirtschaftsraum. Allein 24 000 sozialversicherungspflichtige Software-Experten sind hier tätig, hat die Stadt errechnet. Hinzu kommt eine große Zahl freier Entwickler, Berater und Serviceanbieter.

Ein besonders beliebter Standort für die Global Player und solche, die es werden wollen, ist der sogenannte "Speckgürtel" um die Stadt. Den bilden zum Teil selbstständige Gemeinden, deren Infrastruktur aufs engste mit der Münchens verflochten ist und in deren Einzugsgebiet es noch genug Freiflächen für Firmenansiedlungen gibt: Unterföhring, Grünwald, Ottobrunn, Poing, Planegg, Martinsried, Ismaning. "Die Stadt München freut sich am meisten über solche Unternehmungen, deren Schornsteine rauchen, ohne dass man Rauch und Schornstein sieht." Mit diesem Satz skizzierte bereits vor gut 30 Jahren der damalige Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel das Szenario für den High-Tech-Standort München. Da kann er sich heutzutage durchaus freuen über den "sauberen" Cluster, der sich aus dem Industriekern seiner Amtszeit - Elektrotechnik, Feinmechanik und Optik - entwickelt hat.

München mit italienischem Flair
München mit italienischem Flair

Wesentlichen Anteil daran hat die Firma Siemens, die nach dem Zweiten Weltkrieg an die Isar zog. Der Konzern beschäftigt in der bayerischen Landeshauptstadt derzeit rund 30 000 Mitarbeiter. Ein guter Standort, sagt Anton Schmöller, Leiter des Personalwesens im Siemens-Bereich Information and Communication Networks: "Ohne Frage ist München eine der attraktivsten Städte Deutschlands, was Infrastruktur und Freizeitangebot angeht. Solche Orte entwickeln eine Eigendynamik: Hersteller ziehen Zulieferer und Kunden ziehen Anbieter nach sich."

BMW-Bürogebäude
BMW-Bürogebäude

Schmöller kennt aus der alltäglichen Arbeit auch die Schattenseiten, die diese Entwicklung aus der Sicht eines Personalverantwortlichen hat: "Der Arbeitsmarkt für hochqualifizierte Mitarbeiter ist sehr angespannt und die Personalkosten liegen spürbar über denen in weniger attraktiven Regionen." Des einen Leid, des anderen Freud: Wer einen aussichtsreichen Job im IT-Sektor sucht, hat beste Chancen.

Gemütlichkeit auf Bayerisch
Gemütlichkeit auf Bayerisch

Zudem haben sich weltweit agierende Hersteller von Spezialsoftware in der Stadt angesiedelt - in der Nähe ihrer Kundschaft aus der Autoindustrie und dem Handel. Software-Ingenieure und IT-Berater werden von Management- und Unternehmensberatungen eingestellt, die ihren Auftraggebern in Großunternehmen oder in mittelständischen Betrieben technische, organisatorische und betriebswirtschaftliche DV-Gesamtlösungen anbieten. Schließlich kommt keine Marketing- oder Online-Agentur ohne informationstechnisches Fachpersonal aus, das die Funktionstüchtigkeit der firmeneigenen Netze garantiert und die Kunden qualifiziert berät und schult.

Schloss Nymphenburg
Schloss Nymphenburg

In der McKinsey-Studie werden die "funktionierende High-Tech-Community" Münchens, das dichte Service-Angebot und die Konzentration von IuK-relevanten Studien- und Forschungsmöglichkeiten in der Stadt gelobt. Die bayerische Staatskanzlei spricht gar vom bundesweit "größten Talentpool in natur- und ingenieurwissenschaftlichen Fächern". An den drei Hochschulen studieren hochgerechnet knapp 30 000 junge Männer und Frauen Ingenieurwissenschaft, Mathematik oder Naturwissenschaften.

Die Technische Universität allein verfügt über vier einschlägige Sonderforschungsbereiche: Informationsverarbeitung, Halbleiter, Parallele Rechnerarchitekturen und Simulation. Außerdem gibt es das Fraunhofer-Institut für Festkörpertechnologie sowie sechs hochkarätige Max-Planck-Institute - von Astro- bis Quantenphysik. Sowohl die Fraunhofer- als auch die Max-Planck-Gesellschaft steuern ihre deutschen Forschungsaktivitäten von Münchner Zentralen aus.

Das Referat für Arbeit und Wirtschaft hat eine Gesamtzahl von rund 6000 Beschäftigten in der außeruniversitären technologischen Forschung errechnet. Ein innovatives Feld, das Wechselwirkungen auslöst: "München ist ein führendes Zentrum für F&E-Aktivitäten der Privatwirtschaft", urteilen die städtischen Wirtschaftsförderer.

Das Münchner Technologiezentrum (MTZ) könnte sich zu einem Marktplatz für einschlägige Tips und Referenzen entwickeln. Dort siedeln sich Jungunternehmen aus dem Multimedia- und Internet-Sektor, aus Biotechnologie, Laser- und Medizintechnik und anderen High-Tech-Zweigen an. In Kooperation mit der Fraunhofer Management GmbH bietet das Arbeitsamt den Gründungswilligen kostenlose Fachberatung an.

Weitere Netzwerke und Transferstellen verfolgen das Ziel, das Know-how zu bündeln und aufzubereiten, das Jungunternehmer benötigen - vom Förderkreis Neue Technologien über die GründerRegio M bis zum Technologie-Transfer-Verbund bei der IHK. Folgt man der Einschätzung des Referats für Arbeit und Wirtschaft, wonach München das "bundesdeutsche Venture-Capital-Zentrum mit vier der bedeutendsten privatwirtschaftlichen Wagniskapitalanbieter" ist, dürfte eigentlich keine clevere Geschäftsidee am Startkapital scheitern.

Dennoch: In der McKinsey-Studie wird beklagt, dass die Region um die bayerische Landeshauptstadt im Vergleich zu den IT-Standortkonkurrenten "nur über eine unbefriedigende Anzahl junger, schnell wachsender Unternehmen" verfügt. Das sieht der Stadtminister für Arbeit und Wirtschaft, Reinhard Wieczorek, ganz anders: "Für die Dynamik des Standorts stehen zahlreiche junge Unternehmen wie beispielsweise ArticonIxos, Nemetschek, sd&m und Tria Software."

Wichtige Impulse gehen laut Wieczorek vom Business Plan Wettbewerb aus, der in diesem Jahr zum dritten Mal stattfand, unterstützt von der Software Offensive Bayern, von öffentlichen Förderprogrammen und Risikokapitalgebern sowie von den Business Angels. Wieczorek läßt auch den zweiten Kritikpunkt der Gutachter nicht gelten, wonach München im Bewusstsein "ausländischer Investoren weniger präsent und weniger attraktiv" ist als andere Regionen in Europa. "Die Software- und IT-Firmen wissen die Rahmenbedingungen des Clusters zu schätzen", setzt der Münchner Stadtminister dagegen und verweist auf die "bundesweit niedrigsten Leerstandsrate auf dem Immobilienmarkt", den die Kommune verzeichnen kann.