Telekommunikations-Manager: Berufsbild oder Fiktion?

Als Verbindungsoffizier für Balance sorgen

08.07.1988

FRANKFURT - Mit der wachsenden Komplexität der Telekommunikation sind auch die Ansprüche an die zuständigen Manager gestiegen. Profunde Kenntnisse sowohl in den klassischen Managementressorts als auch in allen Fragen der Informationsübertragung sind von den Verantwortlichen gefordert. Doch wo die Grenzen gesteckt werden sollen und wie Kompetenzen zu verteilen sind, ist vielfach ungeklärt.

Seit Daten- und Nachrichtentechnik immer enger zusammenwachsen, ist die Diskussion um den Telekommunikations-Manager nie ganz verstummt. Im oberen Management, das für die Informationsstruktur des Unternehmens verantwortlich ist, sieht man sehr wohl die Gefahren, die entstehen, wenn die Informationsverarbeitung und die Übertragung der Informationen nicht miteinander harmonieren. Das gilt in besonderem Maße für internationale Konzerne, die über weltweite Übertragungswege miteinander verbunden sind. Hier gilt es nicht nur, die Schnittstellen von Daten- und Kommunikationstechnik sauber zu gestalten, sondern auch die Übergänge zwischen den nationalen Netzen und die verschiedenen "Carrier" im Griff zu haben.

Daraus ergibt sich ein vielfältiges Aufgabenspektrum von oftmals strategischer Bedeutung. So gesehen ist es notwendig, den Telekommunikations-Spezialisten in die entsprechenden Planungsprozesse einzubeziehen. Das gilt auch dann, wenn internationale Konzernkommunikation keine oder nur eine untergeordnete Rolle spielt. Die wachsende Vernetzung der Kunden und Lieferanten untereinander - Stichwort: EDI (Electronic Data Interchange) - stellt auch hier wachsende Anforderungen an die Beachtung von Schnittstellen und Standards.

Eifersucht hemmt notwendige Integration

Der Verantwortliche sollte auch Einsicht in Softwareprobleme haben und die einzelnen Abteilungen seines Hauses bei der Entwicklung von Anwendungssoftware beraten. Je mehr Mitarbeiter mit den neuen Techniken in Berührung kommen, desto umfangreicher wird auch die Schulungsarbeit. Didaktische Fähigkeiten und Einfühlsvermögen sind daher notwendig. Da der Zugang zu den Netzen geregelt sein muß, die internen und externen Wege zudem allen Anforderungen der Datensicherheit entsprechen müssen, fungiert der Verantwortliche überdies als eine Art Sicherheitsbeauftragter. Hinzu kommt die Aufgabe, Netze und Anlagen - die Telefonzentrale eingeschlossen - in einwandfreiem Zustand zu halten und bei Ausfall oder Netzstörungen für ausreichenden Ersatz zu sorgen.

Dieses Aufgabenprofil wird allerdings in kaum einem Unternehmen durch eine Person abgedeckt und stößt zudem auf organisatorische Hürden. Das beginnt mit dem historischen Ballast. Die Infrastruktur eines Unternehmens ist in der Regel "organisch" gewachsen. Sie verträgt daher nur schwer abrupte Brüche und läßt sich nicht von heute auf morgen "am grünen Tisch" umkrempeln. Organismen, auch wenn sie veraltet sind, erweisen sich in der Regel als äußerst zählebig, und die Menschen neigen dazu, einmal eingeübte Gewohnheiten beizubehalten.

Historisch gewachsende Führungsstrukturen haben auch Besitzstände geschaffen, die sich Veränderungen widersetzen. Eifersüchtig wachen immer noch beide Bereiche - DV und Fernmeldewesen - über ihre Kompetenzen. Eher ist man bereit, "das Rad ein zweites mal zu entwickeln", bevor auch nur ein Stückchen Verantwortung an den anderen abgetreten wird, meinte der Org.-Chef einer Großbank dazu. Fernmelde- und Datentechnik werden daher in vielen Fällen noch getrennt geführt, selbst in Großunternehmen.

Neues Berufsbild bald kein Thema mehr

Über das Anforderungsprofil eines Telekommunikations-Managers herrschen unterschiedliche Ansichten. Kostendenken, Durchsetzungsvermögen und Organisationstalent sind Eigenschaften, die man sich generell wünscht. Während die einen an dieser Stelle vorzugsweise etwa einen Betriebswirt sehen, halten andere Experten eher Ingenieure (Nachrichten-, Elektrotechnik, Informatik, Wirtschaftsingenieure) für diese Tätigkeit geeignet.

Hier wird schon deutlich: Das Berufsbild des Telekommunikations-Managers ist keineswegs fixiert. Fast jeder versteht etwas anderes darunter. Dementsprechend variieren die Anforderungen. Unterschiedliche Auffassungen herrschen auch bezüglich der hierarchischen Einstufung im Unternehmen. Die Amerikaner Peter Frederiks und Fred Van Leeuven sehen ihn ("Datamation", November 1987) auf einer Stufe mit dem Manager für Informationssysteme, wobei beide an denselben Vorgesetzten, den "Chief Information Manager" berichten sollten, der für die gesamte Informationstechnik im Unternehmen und deren wirtschaftliche Nutzung verantwortlich ist.

Die Praxis sieht freilich oft anders aus. Hier ist nur in Ausnahmefällen von "Telekommunikations-Managern" die Rede. Die Funktion ist häufig in der zentralen Organisationsabteilung verankert.

Alle Formen der Informationstechnik müssen bezüglich ihres Einsatzes an einem übergeordneten Konzept ausgerichtet sein, das auf den strategischen Zielsetzungen des Unternehmens aufbaut. Die Verantwortung dafür liegt beim Informatik-Chef. Der Telekommunikations-Manager, wenn es ihn gibt, hat hier eher die Rolle eines "Verbindungsoffiziers" inne, der für die Ausgewogenheit der Belange von Kommunikationstechnik und Datenverarbeitung sorgt. Er sollte nicht mit dem Netzwerk- und Standardspezialisten verwechselt werden. Ob er eher ein "Manager" oder ein "Koordinator" ist, hängt auch von seiner Persönlichkeit ab. Wahrscheinlich ist, daß dieses Berufsbild angesichts wachsender Integration der Techniken in zehn Jahren kein Thema mehr ist.

(Auszugsweise entnommen aus dem Diebold Management Report 4/88)