IT-Gipfel

Alles hängt am Netz - und der Ausbau wird teuer

06.12.2011
Kanzlerin Merkel schaut sich auf dem IT-Gipfel einen "Prozess-Daten-Beschleuniger" für den Austausch von Wirtschaft und Verwaltung an.Mehr Tempo wird auch beim Ausbau schneller Internet-Verbindungen gefordert - das aber kostet viel Geld.

"Der IT-Gipfel soll ein Hallo-Wach-Glöckchen am Nikolaustag sein" - so wünscht es sich einer der mehr als 1000 Teilnehmer des Spitzentreffens von Regierung und High-Tech-Branche. Denn "Deutschland ist Weltmeister in Vorbehalten, was die Einführung neuer IT-Lösungen betrifft", meint der Vorstandschef der Stuttgarter GFT Technologies AG, Ulrich Dietz. Öffentlich wird im Kongresszentrum auf dem Münchener Messegelände viel geklingelt und von Aufbruchstimmung geredet. In den Gesprächen auf den Gängen aber wird auch viel über den Euro diskutiert, Manager ziehen Sorgenfalten.

Wirtschaftsminister Philipp Rösler bei der Eröffnung des 6. Nationalen IT-Gipfels in München
Wirtschaftsminister Philipp Rösler bei der Eröffnung des 6. Nationalen IT-Gipfels in München
Foto: BMWi

Dem tritt Wirtschaftsminister Philipp Rösler vor dem Plenum entgegen: "Die Wachstumsaussichten bleiben gut, auch wenn die Unruhe an den Finanzmärkten ihre Spuren auch in Ihrer Branche hinterlässt." Es gebe neue aussichtsreiche Geschäftsfelder wie den Aufbau eines intelligenten Energienetzes im Anschluss an den Atomausstieg. Bisher haben Stromzähler nur die verbrauchte Menge ermittelt. Sogenannte Smart Meter könnten dazu beitragen, dass der Energieverbrauch besser synchronisiert werde mit der jeweiligen Produktion. "Da wir die Energiewende zunächst als einzige umsetzen, kann dieses Know-how in Zukunft als Exportschlager dienen", sagt der FDP-Politiker.

Nicht nur in der Energie, sondern auch beim Verkehr sowie bei Gesundheit, öffentlicher Verwaltung und Bildung sieht die Branche einen Bedarf für die massive Integration von Informationstechnik. Hier hoffen die Unternehmen auf Milliardenaufträge: "Beim Ausbau intelligenter Netze werden wir auch Geld in die Hand nehmen müssen", sagt der Präsident des IT-Verbands BITKOM, Dieter Kempf. "Wir schätzen das auf 130 Milliarden Euro."

Bei ihrem Rundgang über beim 6. Nationalen IT-Gipfel ausgestellte Projekte schaut sich Bundeskanzlerin Angela Merkel den "Prozess-Daten-Beschleuniger P23R" an: Dieses Projekt soll die Meldevorgänge zwischen Unternehmen und Behörden vereinfachen. Merkel lächelt, als ein Tablet-Computer auf einer "Bürokostenwaage" vier unförmige Aktenordner aufwiegt. Das soll die Einsparungen verdeutlichen, die eine IT-Lösung im Vergleich zur bisher noch sehr aufwendigen Bürokratie bietet.

"Wir haben uns zum Ziel gesetzt, eine grundlegend neue Infrastruktur zwischen Wirtschaft und Verwaltung zu schaffen", erklärt dazu die IT-Beauftragte der Bundesregierung, Cornelia Rogall-Grothe. "Es geht darum, existierende elektronische Verfahren zur Erfüllung von Informations- und Meldepflichten so zu orchestrieren, dass Anwender von dem Dickicht der Einzellösungen entlastet werden."

Die Basis für alle High-Tech-Träume aber muss noch mit schnellen Internet-Anschlüssen ausgebaut werden: Bis 2014 soll für mindestens 75 Prozent der Haushalte der Zugang zu Hochleistungsnetzen mit mindestens 50 Megabit pro Sekunde möglich sein. Und eine flächendeckende Versorgung mit solchen Anschlüssen soll es bis 2015, spätestens bis 2018 geben - so die Vorgabe des neu gefassten Telekommunikationsgesetzes (TKG), das nach der Verabschiedung im Bundestag noch den Bundesrat passieren muss. Zurzeit sind laut Rösler die technischen Voraussetzungen für 41 Prozent geschaffen.

Für den Netzausbau seien sehr hohe Investitionen erforderlich, doch bislang gebe es nur eine geringe Bereitschaft im Markt, für schnelle Glasfaserverbindungen auch entsprechende Preise zu akzeptieren, sagt der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Telekom, René Obermann, im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. "Deshalb ist es nicht ganz leicht, Glasfaser bis in die dünn besiedelten Regionen zu legen. Darin liegt eigentlich die Hauptherausforderung. In den Ballungsgebieten ist das noch eher finanzierbar, aber der Ausbau in den ländlichen Regionen ist schwieriger."

CW-Redakteur Jürgen Hill im "Mittagsmagazin"

Anlässlich des 6. Nationalen IT-Gipfels war COMPUTERWOCHE-Redakteur Jürgen Hill heute als Experte für Cloud Computing und Smartphones zu Gast beim ARD-"Mittagsmagazin". Wer den Auftritt unseres Kollegen live verpasst hat, kann ihn on-demand in der Mediathek abrufen.

Wegen der hohen Kosten soll daher ein Mix von Glasfaser und schnellem Mobilfunk dafür sorgen, dass die großen Ziele erreicht werden. Es müsse "Technologieneutralität" herrschen, so wird immer wieder auf dem IT-Gipfel verlangt. "Wir brauchen die Glasfaser, gleichzeitig aber auch mobile Breitbandanwendungen", sagt Rösler. Für Anfang 2012 kündigt er auf dem IT-Gipfel ein Spitzentreffen mit Vertretern von Wirtschaft, Wissenschaft, Ländern und Kommunen an, um die bislang zumeist in ländlichen Regionen eingeführte Mobilfunktechnik LTE weiter voranzutreiben.

Mehr Tempo wünscht sich der Deutschland-Chef von Hewlett-Packard, Volker Smid, beim Ausbau der schnellen Netze. LTE sei keine echte Alternative zur Glasfaser. "Wenn Sie in einer LTE-Mobilfunkzelle allein sind, dann haben Sie vielleicht die 50 Megabit. Wenn sich aber 100 darin befinden, sieht das schon ganz anders aus." (dpa/tc)