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Industrie 4.0

Alles Große fängt klein an, oder?

Walter Brenner ist Professor für Informationsmanagement und geschäftsführender Direktor des Instituts für Wirtschaftsinformatik der Universität St. Gallen. Seine Forschungsschwerpunkte sind Informationsmanagement, Industrielle Services, CRM, Design Thinking und Digital Consumer Business.
Manchmal könnte man den Eindruck bekommen, wer Industrie 4.0 noch nicht umgesetzt hat, kommt zu spät. Viele Führungskräfte in Unternehmen, Berater und Anbieter können Wunsch und Realität - manchmal sogar bewusst - nicht voneinander unterscheiden. Ein Plädoyer für mehr Realismus und Aufbau von Wissen und Erfahrung.

Es gibt heute fast keine Konferenz, fast keine Tageszeitung, die sich nicht täglich mit Industrie 4.0 beschäftigt. Wenn man die digitale Ausgabe meine Lieblingszeitung, der Frankfurter Allgemeinen, aufruft, findet man sogar eine eigene Rubrik im Wirtschaftsteil mit dem Titel "Internet in der Industrie".

Es scheint bei Praktikern, Beratern, Journalisten und Wissenschaftlern unbestritten, dass es sich um ein wichtiges Thema handelt. Immer mehr Anbieter von Software und Hardware "springen" auf diesen Zug auf. In den Ausführungen wird oft der Eindruck erweckt, man sei auf gutem Weg die sog. vierte industrielle Revolution zu bewältigen.

Es wird behauptet, wer nicht Daten aus Sensoren auslesen und mit Algorithmen umgehen kann und wer nicht bereits dabei ist, die nächste Stufe der Automation der Produktion - wie sie auch immer aussehen mag - zu erklimmen, hat im Wettrennen um Konkurrenz­fähigkeit in der Produktion verloren.

Bei vielen Unternehmen noch nicht angekommen

Es ist aus meiner Sicht - ich arbeite seit mehr als 30 Jahren in der IT-Branche - unverständlich, dass eine Vision, wie sie in den zukunftsorientierten Papieren, die u.a. von Henning Kagermann, Wolf-Dieter Lukas und Wolfgang Wahlster mit dem Titel "Industrie 4.0: Mit dem Internet der Dinge auf dem Weg zur 4. industriellen Revolution" sowie einem Positionspapier von acatech (acatech - Deutsche Akademie der Technikwissenschaften 2011, Cyber-Physical Systems: innovationsmotor für Mobilität, Gesundheit, Energie und Produktion, München) zu diesem Thema publiziert wurden, mit der betriebliche Realität verwechselt wird.

Industrie 4.0 ist eine wichtige Zielsetzung, und es wird viele Jahre, vielleicht sogar ein Jahrzehnt dauern, bis Großbetriebe auch nur annähernd den Stand erreicht haben, der in den Papieren visionär beschrieben wird. Wie verschiedene Studien zeigen, ist das Thema bei Klein- und Mittelunternehmen noch gar nicht angekommen.

Vor diesem Hintergrund ist Realismus, Sachlichkeit und Nüchternheit in der Dis­kussion um Industrie 4.0 angebracht. Wenn man sich zum Beispiel Projekte anschaut, in denen es darum geht, Sensordaten aus Maschinen auszulesen und zu interpretieren, um beispielswiese datengetriebene Services, wie zum Beispiel Predictive Maintenance, anzubieten, stelle ich in Gesprächen und Forschungsarbeiten fest, dass es im Moment um grundsätzliche Fragen geht.

Konkrete Herausforderungen in der Praxis

Ich will nur exemplarisch einige Beispiele anführen, mit denen wir in den Industrie 4.0-Projekten konfrontiert werden: Wie sind diese Sensordaten strukturiert? In welcher Menge fallen die Sensordaten an? Wem gehören die Sensordaten? Wie funktioniert die mobile Datenübertragung? Wie sehen Infrastruktur und Anwendungsarchitekturen aus, die notwendig sind, um Kunden neben physischen Gütern auch digitale Services anzubieten? Wie arbeitet der CIO-Bereich mit der Forschung und Entwicklung zusammen? Wer ist für die datengetriebenen Services im Betrieb verantwortlich?

Im Moment geht es in den Unternehmen, mit denen wir über Industrie 4.0 sprechen, um diese grundsätzlichen Fragen bzw. um Prototypen oder Machbarkeitsstudien. Um gegenteiligen Interpretationen dieses Artikels vorzubeugen: Für mich ist das in Ordnung und muss so sein. Genau diese Art von Projekten braucht es in Unternehmen, um mit dem Aufbau von Wissen und Erfahrung in diesem komplexen Umfeld zu beginnen.

Noch immer gilt in unserer Branche das Wort des chinesischen Philosophen Laotse: "Jede Reise beginnt mit dem ersten Schritt." Oder wie es moderne Managementgurus formulieren: "Start small and think big". Deshalb habe ich dem Titel das schweizerdeutsche "oder" angefügt. Es ist eigentlich allen klar, nur muss man es immer wieder sagen.

Vor diesem Hintergrund gilt, den Personen und Teams, die sich mit diesem schwierigen Thema beschäftigen, das notwendige Vertrauen und die notwendige Zeit mitzugeben. Ich bin zuversichtlich, dass mit der gegebenen Geduld im Umfeld von Industrie 4.0 Revolutionäres erreicht werden kann. Länder wie Deutschland und die Schweiz haben die Fachleute, die das erreichen können. Aber sie können nur erfolgreich sein, wenn konsequent und realistisch Schritt für Schritt vorgegangen wird. Unnötig hoher Erwartungsdruck oder die Suche nach schnellen revolutionären Erfolgen wird zu Misserfolgen führen, die im besten Fall einen Neustart erzwingt.