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"Alle IT-Projekte müssen auf den Prüfstand"

15.11.2001
Im Hype um das E-Business haben Unternehmen betriebswirtschaftliche Maßstäbe außer Acht gelassen, kritisiert Steve Prentice von Gartner.

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Im Hype um das E-Business haben Unternehmen betriebswirtschaftliche Maßstäbe außer Acht gelassen, kritisiert Steve Prentice, Gartners Forschungschef für Europa. Im Gespräch mit CW-Redakteur Wolfgang Herrmann rät er, unwirtschaftliche IT-Projekte zu stoppen und Insellösungen zu integrieren.

CW: Gartner empfiehlt Unternehmen, den Konjunkturabschwung zu nutzen, um bestehende IT-Infrastrukturen in Ordnung zu bringen. Welches sind die wichtigsten Hausaufgaben für CIOs?

PRENTICE: Es geht um Konsolidierung. Alle begonnenen IT-Projekte müssen auf den Prüfstand. Unternehmen sollten sich auf diejenigen Vorhaben konzentrieren, die einen echten Return on Investment (RoI) versprechen und die einen Beitrag leisten zu mehr Effizienz und Integration.

CW: Was bedeutet das konkret?

   Gartner-Analyst Steve Prentice fordert realistische Zielvorgaben für IT-Projekte.  
   Gartner-Analyst Steve Prentice fordert realistische Zielvorgaben für IT-Projekte.  

PRENTICE: Die Initiativen müssen dabei helfen, Kundenerwartungen zu erfüllen und die internen Prozesse mit denen der Supply-Chain-Partner zu verknüpfen. Das Ziel ist ein kohärenter Strom von Geschäftsprozessen von einem Ende der Wertschöpfungskette zum anderen. Die meisten Organisationen haben zahlreiche Projekte gestartet, die nicht in diese Kette passen. Diese müssen aussortiert werden.

CW: Haben sich die Unternehmen im Hype um das E-Business übernommen?

PRENTICE: Ja. Sie haben versucht, alles auf einmal zu tun. Immer ging es nur um Schnelligkeit. Wir müssen sofort ins Web, wir müssen E-Business machen, lauteten die Parolen. Viele Unternehmen starteten Projekte, ohne die wechselseitigen Beziehungen dieser Vorhaben vollständig zu verstehen. Das endete in einer Reihe von Prozessen, die nicht miteinander verbunden sind. Ein solches Sammelsurium ist nicht in den Griff zu bekommen. Darüber hinaus unterschätzten viele den Aufwand für Wartung und Aktualisierung der Systeme. Der Projekterfolg wurde oft nur unzureichend oder gar nicht gemessen.

CW: Wie kam es zu dieser Entwicklung?

PRENTICE: Es lag vor allem am Druck durch die Dotcom-Unternehmen, an der hohen Geschwindigkeit, mit der sich der Markt bewegte. Schnelligkeit wurde zum einzigen Maßstab selbst für komplexe Vorhaben.

CW: Experten und Fachmedien fordern seit Jahren, IT-Manager müssten sich zu Business-Managern entwickeln und stärker auf den Return on Investment ihrer Projekte achten. Haben die CIOs nicht zugehört?

PRENTICE: Sie haben möglicherweise zugehört, ihr Wissen aber nicht umgesetzt. Als Business-Manager muss man damit aufhören, sich um Dinge zu kümmern, die nicht essenziell für das Geschäft sind. Das bedeutet, ein CIO muss alles auslagern, was für die Organisation nicht erfolgskritisch ist. Und das sind viele gewöhnliche IT-Aufgaben. Wenn der CIO in die Rolle eines Business-Managers wachsen will, sollte er sich weniger um die alltäglichen Technikprobleme kümmern.

CW: Zurück zu den Hausaufgaben, die IT-Verantwortliche zu erledigen haben: Integration auf verschiedenen Ebenen, Konsolidierung und Ähnliches. Auch diese Vorhaben kosten Geld. Sind die nötigen Ressourcen derzeit überhaupt verfügbar?

PRENTICE: Sie werden verfügbar sein, wenn man sich auf die wirklich wichtigen Dinge konzentriert und die Mittel sehr gezielt und vorsichtig einsetzt. Experimente mit neuen Technologien sollten ebenso vermieden werden wie Projekte, in denen der Return on Investment nicht klar erkennbar ist.

CW: Nur 36 Prozent der von Gartner befragten europäischen Unternehmen planen im nächsten Jahr höhere IT-Ausgaben, 40 Prozent wollen sparen. Welche IT-Projekte fallen den Kürzungen zum Opfer?

PRENTICE: Alles, was nicht zur Effizienz oder zu einer stärkeren Konzentration auf Kunden oder Partner beiträgt, wird in Frage gestellt. Jedes Projekt, bei dem der Return on Investment nicht klar kalkuliert werden kann oder bei dem eine Erfolgsmessung unpräzise oder unmöglich ist, steht auf der Kippe.

CW: Gartner hebt in den jüngsten Analysen die strategische Bedeutung von Customer-Relationship-Management (CRM) hervor. In manchen Projekten ist ein RoI leicht festzustellen; andere Vorhaben, in denen etwa weiche Faktoren wie Knowledge-Management eine größere Rollen spielen, lassen sich nur schwer bewerten. Besteht nicht die Gefahr, dass sich Unternehmen jetzt auf Projekte mit raschen Erfolgen konzentrieren und langfristige strategische Vorhaben vernachlässigen?

PRENTICE: Das Problem liegt häufig darin, dass Unternehmen nicht klar genug definieren, was sie sich von einem Projekt erhoffen. Viele CRM-Projekte scheitern, weil die Verantwortlichen unrealistische Erwartungen damit verbinden. Besonders bei CRM- oder ERP-Projekten geht es um die Geschäfsstrategie und nicht darum, irgendeine Technik einzuführen. Deren Implementierung bedeutet ja noch nicht, dass sich damit auch das Arbeiten und Denken einer Organisation ändert. Im Gegenteil: Nicht selten fühlen sich Mitarbeiter davon bedroht und verhindern, dass sich die Erwartungen in die Technik erfüllen.

CW: Angenommen, der IT-Markt erholt sich Ende 2002 oder Anfang 2003 nachhaltig, wie von Ihrem Unternehmen prognostiziert. Auf welche Wachstumsfelder sollten sich Unternehmen dann konzentrieren?

PRENTICE: Wir empfehlen unseren Kunden, auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten Wachstumsprojekte voranzutreiben. Wer heute aufhört zu investieren, wird schnell von Konkurrenten überflügelt, die ihre Initiativen weiterverfolgen. In der gegenwärtigen Konsolidierungsphase kommt es darauf an, die richtige Balance zu finden zwischen internen Optimierungsarbeiten und nach außen gerichteten Projekten, die etwa die Zusammenarbeit mit Zulieferern oder Kunden verbessern.

CW: Welche Rolle spielt Supply-Chain-Management dabei?

PRENTICE: SCM kann nur ein Teil dieser Bemühungen sein. Die Schwierigkeit besteht darin, SCM-Funktionen nahtlos mit anderen Systemen wie etwa ERP zu integrieren. Wir bewegen uns in eine Welt, die viel stärker auf interdependenten Web-fähigen Umgebungen beruht.

CW: Also dreht sich alles um Integration?

PRENTICE: Ja, und zwar nicht nur auf Applikationsebene und nicht nur mit Blick auf die internen Prozesse. Die neue Herausforderung heißt Enterprise Integration. Dazu müssen Unternehmen ihre Integrationsbemühungen von den internen auf die externen Systeme ihrer Partner ausweiten.