Magnetkarten-Lesegerät für Eurocheque- und Kreditkarten bei Kempinski-Hotel vorgestellt:

Alldata-Coup überrumpelt GZS-Aktivitäten

22.11.1985

BERLIN/MÜNCHEN (sch) - Im wahrsten Sinne des Wortes gute Karten in der Hand hält die Alldata Service GmbH, München, mit der Entwicklung einer POS-Verbundlösung. Anwender des neuen Systems, das jetzt erstmalig beim Berliner Kempinski-Hotel Bristol vorgestellt wurde, können im Rahmen des papierlosen Zahlungsverkehrs Eurocheque-, Kreditkarten- und Kundenkartentransaktionen über ein Terminal abwickeln.

Weil das Berliner Nobelhotel für das Lesen der diversen Karten keinen "Gerätefriedhof" installieren wollte, entschied man sich dort ohne großes Zögern für den Einsatz der neuen "AIlcard"-Terminals. Die bisher für POS genutzten zwei Geräte sind per Datex-L mit einer IBM 4381 Q03 im Alldata-Rechenzentrum verbunden. In das Terminal "eingeschleust" werden können alle Kredit- und Eurochequekarten, die über eine Magnetspur "ISO-Norm 2" verfügen. Von den Kreditkartengesellschaften sind im Bristol Hotel bis dato VISA und Diner's Club vertreten, wobei die Alldata per Standleitung mit den Autorisierungs-Zentren dieser Organisationen verbunden ist. Den Angaben des Berliner Kempinski-Hauses zufolge kann die Alldata-Anlage demnächst auch mit den Karten von American Express genutzt werden.

Keine Online-Anbindung zu den Banken

Die notwendigen verfahrenstechnischen Prüfungen erfolgen zum Teil auch ohne einen "Rückgriff" auf die Autorisierungszentralen. So sind beispielsweise die Sperrlisten der Kreditgesellschaften bei der Alldata vor Ort abgespeichert.

Zwischen dem Hotel Bristol und den Banken besteht gegenwärtig allerdings noch keine Online-Kommunikation. Der einschlägige POS-Zahlungsverkehr erfolgt offline als Lastschriftenverfahren. Die Alldata Service GmbH will nach eigenen Aussagen jedoch auf die Dauer auch hier eine Einbindung erzielen. Langfristig vorgesehen ist ebenfalls der Einbau einer PlN-Codierung in die Allcard-Terminals.

Die Reaktionen der Gäste auf das seit Juni dieses Jahres installierte Magnetkarten-Lesesystem werden von den Berliner Hoteliers als durchweg positiv bezeichnet. Bis dato bezahlen hier rund 50 Prozent der Kunden mit der Eurocheque-Karte. Als Vorteile für das Hotel selbst "springen" in erster Linie ein schnellerer Einzug von Außenständen und ein besserer Service "heraus".

Weitere Kempinski-Hotels wollen nachziehen

Neben dem Hotel Bristol arbeitet seit Jahresmitte auch das Münchner Hotel "Vier Jahreszeiten" mit den Allcard-Terminals. Kreditmanagerin Martina Schmitz-Mertens: "Negativ eingestellt war bisher keiner. Viele Kunden sind sogar recht neugierig und wollen wissen, wie das neue System genau funktioniert." Teilweise sei es für die Gäste "einfach umwerfend", daß sie ganz ohne Scheck auskommen. Im Hotel "Vier Jahreszeiten" laufen im Moment pro Tag durchschnittlich 30 bis 40 Transaktionen über die Alldata-Anlage, wobei 70 Prozent der Rechnungen mittels Kreditkarte beglichen werden. Zu Personaleinsparungen führt die POS-Lösung hier ebenso wie im Hotel Bristol nicht. Frau Schmitz-Mertens gibt jedoch zu bedenken, daß "man früher unter Umständen die Abrechnungen nach Dienstschluß gemacht hat".

Für eine Übergangszeit unbefriedigend ist es für die Münchner Nobelherberge lediglich, daß es mit der Direktverbindung zum Diner's Club noch nicht hundertprozentig klappt. Nochmals die Kreditmanagerin des Hauses: "Bei einem Betrag, der über das Limit geht, kann das Allcard-Gerät nicht benutzt werden."

Die bisherigen Erfahrungen des Pilotprojekts haben die Kempinski Aktiengesellschaften - in ihren Hotels bezahlen heute bereits 60 Prozent der Gäste mit der Eurocheque- oder einer Kreditkarte - dazu bewogen, das Alldata-Abrechnungssystem in Kürze auch in ihren Hamburger und Frankfurter Häusern einzusetzen.

Das Münchner EDV-Service- und Beratungsunternehmen will nach eigenem Bekunden bis zum Jahresende rund 100 Terminals bei Hotel-, Gastronomie- sowie Einzelhandelsunternehmen in Betrieb nehmen. Bisher wurden insgesamt 17 Anlagen installiert. Zu den Abnehmern zählen neben den beiden Kempinski-Hotels unter anderen die Münchner Bekleidungshäuser Loden-Frey und Beck am Rathauseck. Letzteres Unternehmen hat seine beiden Allcard-Magnetkarten-Lesegeräte über die in den Terminals befindlichen V.24-Schnittstellen an seinen Tandberg-Rechner angekoppelt.

GZS geht noch auf Distanz

Als "Hemmschuh" bei den Alldata-Aktivitäten könnte sich auf die Dauer allerdings die Zurückhaltung des Bundesverbandes Deutscher Banken und der Frankfurter Gesellschaft für Zahlungssysteme (GZS) gegenüber der Terminal-Innovation erweisen. Hier sieht man es wohl etwas zähneknirschend, daß sowohl Eurochequekarten- als auch Kreditkarten-Transaktionen mit Hilfe ein und desselben Endgerätes bewältigt werden können. Den Angaben der POS-Spezialisten beim Bundesverband der Banken zufolge sind Point-of-Sale-Systeme Sache der Banken und nicht eines außenstehenden Anbieters. Es werde im Augenblick geprüft, ob die Alldata überhaupt berechtigt sei, die EC-Karte als Medium anzubieten. Gleichzeitig wird dort jedoch eingeräumt, die bereits laufenden POS-Projekte der Banken in München und Berlin litten unter dem Dilemma, daß es keine billigen Terminals in der Preislage von 3000 bis 5000 Mark gebe.

Bei der Frankfurter GZS will man sich gar nicht so recht zu dem "Alldata-Coup" äußern. Gespräche mit dem EDV-Serviceunternehmen sind aber bereits seit einiger Zeit in Gange. Marketing- und Pressedirektor Hans-Ulrich Maarss: "Wir wollen ganz bewußt zu diesem Zeitpunkt die Gespräche nicht stören, indem wir einzelne Dinge in der Öffentlichkeit vorwegdiskutieren." Darüber hinaus vermerkte Maarss, man müsse sich in Anbetracht der vom Kreditgewerbe angestrebten einheitlichen und bundesweiten Lösung fragen, ob einschlägige Insellösungen überhaupt sinnvoll seien und vom Handel sowie anderen Unternehmen gewünscht würden. Zunächst einmal stütze sich das Kreditgewerbe nur auf das Zugangsmedium Eurochequekarte. Die Alldata Service GmbH selbst spricht dagegen bezüglich des GZS-Konflikts davon, daß "der Konflikt weitgehend behoben ist".

Drei Allcard-Varianten

Das neue Terminal steht zunächst in der Version Allcard DL300 zur Verfügung und wird über eine Datex-L-Wählleitung mit dem Alldata-Rechenzentrum verbunden. Die Kosten für dieses Gerät liegen bei 5450 Mark, können aber aufgrund von Mengenstaffel-Rabatten sinken. Hinzu kommt eine monatliche Wartungsgebühr von 25 Mark. Wird das Terminal gemietet, muß der Anwender pro Monat 147 Mark auf den Tisch legen.

Bei Verwendung eines Allcard-Schnittstellenvervielfachers können bis zu acht Terminals des gleichen Typs an eine Postleistung angeschlossen werden.

Neben den Magnetkarten-Lesergeräten DL300 sollen demnächst noch die Terminal-Typen Allcard T1200 und DL2400 auf den Markt kommen. Die erstgenannte Variante ist für einen Anschluß an normale Telefonleitungen (1200 Baud) und die zweite für schnelle Datex-L-Verbindungen (2400 Baud) geeignet.