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Digitalisierung von Wissen

Algorithmus- und Softwarekompetenz wird entscheiden

Walter Brenner ist Professor für Informationsmanagement und geschäftsführender Direktor des Instituts für Wirtschaftsinformatik der Universität St. Gallen. Seine Forschungsschwerpunkte sind Informationsmanagement, Industrielle Services, CRM, Design Thinking und Digital Consumer Business.
Fast alle Informationen der Gegenwart, aber auch der Vergangenheit, stehen heute digital zur Verfügung. Auf dieser Grundlage ist es möglich, Software zu schreiben, die neue Möglichkeiten der Automatisierung bietet. Auch Finanzanalysen könnten betroffen sein.

Seit kurzer Zeit erleben wir eine neue, wahrscheinlich entscheidende Phase der Digitalisierung, die mit dem Satz "Alles was digitalisiert werden kann wird digitalisiert und automatisiert" kurz und knapp beschrieben ist. So sind heute fast alle aktuellen, aber auch viele Informationen der Vergangenheit, beispielsweise über Unternehmen und auch über die wirtschaftliche, gesellschaftliche Entwicklung digitalisiert.

Auf dieser Grundlage ist es für Experten aus der Finanzindustrie durchaus möglich, dass in naher Zukunft die klassische Finanzanalyse, einer der Kernbereiche der Vermögens­verwaltung, durch eine computergestützte, algorithmenbasierte Analyse ersetzt wird. Ein guter Freund von mir, ein erfolgreicher Vermögensverwalter, hat das in einem Gespräch mit mir auf den Punkte gebracht: "Wenn ein Schachcomputer heute schon den Weltmeister schlägt, wird es nicht lange dauern, bis der Computer besser als die besten Finanzanalysten ist".

Ich bin tief davon überzeugt, dass diese Aussage - am Beispiel der Finanzanalyse - zutreffend beschreibt, auf was sich Wirtschaft und Gesellschaft in den nächsten Jahren einstellen müssen. Immer mehr Wissen wird auf Grund der Verfügbarkeit fast aller Informationen in digitaler Form in Algorithmen abgebildet und automatisiert werden.

Wissensintensive Aufgaben werden automatisiert

Es ist ähnlich wie vor mehr als 50 Jahren, als die Buchhaltung automatisiert wurde. Kontendaten und Buchungs­informationen konnten digitalisiert werden. Clevere Programmierer entwickelten auf dieser Grundlage Buchhaltungssoftware, die in vielen Unternehmen Ausgangsunkt der Digitalisierung wurde. Der große Unterschied zur Vergangenheit ist, dass es heute nicht mehr repetitive, langweilige Aufgaben sind, die automatisiert werden. Heute ist es möglich, auch wissensintensive Aufgaben zu automatisieren. Dies bedeutet eine massive Veränderung des Know-hows.

War es in der Vergangenheit von entscheidender Bedeutung Mitarbeitende zu haben, die wissensintensive Aufgaben selber durchführen, wird es in Zukunft immer wichtiger, Mitarbeitende zu haben, die in der Lage sind, wissensintensive Prozesse so zu spezifizieren, dass sie digitalisiert werden können und die entsprechende Software zu schreiben.

Dies bedeutet, dass es in vielen Industrien zur Schlüsselfrage werden wird, ob ein Unternehmen in der Lage ist, kompetitive Algorithmen zu entwickeln und diese auch zu implementieren. Die neue Software erlaubt es auf der einen Seite, neue Erkenntnisse aus den Daten zu gewinnen und gleichzeitig die Kosten durch Abbau von Mitarbeitenden zu reduzieren.

Für die Finanzindustrie kann das im besten Fall bedeuten, durch automatisierte Finanzanalyse gleichzeitig neue bisher unentdeckte Anlagemöglichkeiten zu finden und gleichzeitig Personal- und Reiskosten zu senken. Eine weitere Konsequenz ist eine Veränderung der Schlüsselfähigkeiten. Ging es in der prädigitalen Phase primär darum, Experten zu beschäftigen, die wissensintensive Prozesse selbst durchführen konnten, wird es in Zukunft darum zu gehen, Algorithmus- und Softwarekompetenz aufzubauen.