Open Innovation

ADAC: Crowd Computing

Thomas Pelkmann ist freier Journalist in Köln.
Cloud, Mobile, Big Data, Social Media - alles Hype-Themen, mit denen sich nicht nur IT-Verantwortliche und -Mitarbeiter vor allem beschäftigen. Das ist beim größten europäischen Automobilclub ADAC nicht ganz anders, aber doch ein bisschen. Zumindest im Fokus des Innovationsmanagement stehen anderen Themen, so ADAC-CIO Günter Weinrauch auf den IT-Strategietagen in Hamburg.

Es sind Themen, die nur zum Teil aus der IT kommen und zu einem größeren Teil von unten, außen und von der Seite. Auf der Suche nach einer zukunftssicheren IT-Strategie des ADAC setzte CIO Weinrauch weniger auf "IT als Schrankware zum Aussitzen"; Strategien, die von externen Beratern wortreich und teuer entwickelt werden, um anschließend im Schrank zu verschwinden oder - wenn doch ins Unternehmen eingebracht werden - von den Mitarbeitern meist wortlos ausgesessen zu werden.

ADAC-CIO Günter Weinrauch auf den Hamburger IT-Strategietagen.
ADAC-CIO Günter Weinrauch auf den Hamburger IT-Strategietagen.
Foto: Foto Vogt

Stattdessen setzt der ADAC auf der Suche nach der IT-Strategie von morgen auf Crowdsourcing - Crowd hat der Automobilclub genug: Nicht nur die Mitarbeiter aus der IT-Abteilung, nicht nur die mehr als 2000 betreuten User in der ADAC-Zentrale in München und den Landesverbänden ("Gaue") draußen im Lande, sondern auch Partner, Dienstleister, Lieferanten, auch Kollegen aus den Fachbereichen, auch am Ende die Kunden des ADAC, die über die sozialen Netzwerke des Internet angesprochen werden können.

"Der Mensch", lautet die zentrale Botschaft dieses Vorgehens, "ist der Erfolgsfaktor Nummer Eins". Er kann Potenziale aufdecken, Verantwortung übernehmen, proaktiv handeln, ideenreich mitwirken und strategisch gestalten. Aber, natürlich, er kann auch Projekte zu Fall bringen, wenn sie ihm zu abstrakt, zu wenig begründet sind, oder wenn sie seinen Arbeitsalltag über Gebühr verändern.

Es ist daher leicht nachvollziehbar, dass der ADAC bei seiner IT-Strategie auf den menschlichen Faktor setzt. Allerdings: Eine solch breite Basis will auch gemanaged werden; beim ADAC heißt das "Bottom up meets Top Down": Die zentralen Themenfelder, das Raster, der Pläne, die mit der IT-Strategie abgedeckt werden sollen, kommen von oben, die Ideen, wie sich diese Themen konkret in einer Strategie niederschlagen sollen, von unten.

Neben dieser Themenvorgabe steht die IT vor allem für die Realisierung guter Ideen ein, so CIO Weinrauch: "Wenn jemand fünf Jahre im Unternehmen ist und zwei gute Ideen hat, wie man mit IT Prozesse verbessern kann, ermöglichen wir ihm, diese Ideen umzusetzen." Soweit der konstruktive Teil. Mit der Fortsetzung, "Wer nach fünf Jahren im Club gar keine Idee hat, sollte diesen Fakt grundsätzlich hinterfragen", stieß der CIO durchaus auf Widerstand bei Betriebsrat und Mitarbeitern. Aber nur, um am Ende jenseits von Denkverboten für innovative Ideen zu sorgen und mit seiner IT für diese Ideen finanziell und logistisch einstehen zu können.

"Open Innovation", wie der Zukunftsprozess beim ADAC heißt, ist ein Prozess der kleinen Schritte, erklärt Weinrauch den Zuhörern der Strategietage. Über das Crowdsourcing konnte Weinrauch innerhalb eines Jahres immerhin 300 Ideen mit Projektvolumina in Millionenhöhe ins strategische Kalkül einbringen. Mit diesen Ideen geht es der Club-IT im Wesentlichen um drei Themenfelder: die Positionierung der IT innerhalb des Automobilclubs, die Standardisierung der Service-Delivery-Prozesse und die evolutionäre Erneuerung der Systemlandschaft - allesamt Themen, die ohne spektakuläre Prozesse und ohne Big Bang auskommen müssen, am Ende aber vielleicht auch deshalb für nachhaltige Verbesserungen in der IT sorgen.

Die Crowdsourcing-Methode möchte CIO Weinrauch als "lebendige Innovationskultur" verstanden wissen, die sich nicht nur auf die Erarbeitung der strategischen IT beschränken soll. Um beim Innovationsmanagement nachhaltig wirken zu können, ist eine Einbindung dieser Methode ins Talent-Management nötig, bei der die kritische Teilnahme an den Diskussionsprozessen in der IT, in den Fachbereichen, aber auch von außen gefördert wird. Das schafft langfristig eine größere Basis für Ideen, sorgt aber auch für größere Bindung auf allen Ebenen.

Zu einer lebendigen Innovationskultur gehört aber auch die Agilität in den Prozessen. Wichtiger als Kosten- und Zeitkontrolle sind Agilität, Transparenz und Bürokratieabbau. Und die Konzentration aufs Wesentliche: "Maßnahmen, die kein strategisches oder operatives Problem lösen, werden nicht weiterverfolgt", so die verbindliche Vorgabe, bei der auch das Gegenteil gilt: Gefördert werden alle erfolgversprechenden Maßnahmen inklusive der relevanten Stakeholder.

Zu einer lebendigen Innovationskultur gehört nach den Worten des ADAC-CIOs schließlich auch die Einbindung in die sozialen Netzwerke innerhalb der IT, zwischen IT und Fachbereichen und außerhalb der Firmengrenzen. "Erfolgreich sind die Projekte, die Grenzen zwischen diesen Bereichen verwischen", ist Weinrauch überzeugt. Und ist am Ende damit natürlich auch wieder bei mindestens einem der Themen, die alle ITler und Strategen derzeit umtreiben.

Zukunft 2.0: Koffer mit Antenne und Barcode

"Das Gepäck vom Menschen zu befreien" ist das Ziel von BAG2GO, einem gemeinsamen Projekt von T-Systems, Airbus und Rimowa, das auf den Hamburger Strategietagen vorgestellt wurde. Wer schon mal als Passagier in, sagen wir, Los Angeles gelandet ist und seinen Koffer in Singapur wiederfindet, kennt dieses Phänomen: Der Koffer ist vom Menschen befreit. Um genau das auf Dauer aber zu verhindern und eine stattliche Zahl weiterer Vorteile für Passagiere, Airlines, Flughäfen und Flugzeugbauer zu generieren, sind die drei Player mit diesem zukunftsweisenden Projekt angetreten.

Dabei werden Rimowa-Koffer mit Waage, Barcode und Antennen ausgestattet, die schon lange vor dem eigentlichen Einchecken alle wichtigen Fragen des Transports beantworten: Wohin geht das Gepäck, wie schwer ist es und wo ist es im unglücklichsten Fall gelandet? Für Fluggäste brechen paradiesische Zeit an: Sie müssen sich nicht mehr stundenlang am Check-In anstellen, um das Gepäck aufzugeben. Im Idealfall müssen sie sich überhaupt nicht mehr ums Gepäck kümmern, weil Logistikpartner den gepackten und gewogenen Koffer an der Haustür abholen und bis ins Hotel am Zielort transportieren. Und sie wissen über Smartphone-Apps jederzeit, wo sich ihr Gepäck befindet. Mehr Convenience gibt es kaum.

Tatsächlich ist auch für die anderen Beteiligten das Gepäck eins der größten Probleme, die mit BAG2GO zumindest teilweise gelöst werden sollen: Die Gepäckbeförderung, das Lösen von Sicherheitsproblemen, das Nachforschen bei verlorenem Gepäck belastet Fluggesellschaften und -häfen, und sogar Flugzeugbauer wie Airbus müssen sich Anforderungen an Gewicht, Treibstoffverbrauch und Standzeiten am Terminal stellen.

Den beteiligten Playern zufolge ist die Entwicklung des BAG2GO-Services abgeschlossen. Einen festen Starttermin für den Kofferservice gibt es dennoch bisher nicht. Aber es gibt nun etwas, auf das sich Passagiere, Fluggesellschaften, Flugzeugbauer und Flughäfen gemeinsam freuen können.