Wettberwerbsfähiges Europa

Academy Cube gegen IT-Fachkräftemangel

ist Professor am Management Center Innsbruck, MCI und Leiter der Studiengänge »Management, Communication & IT« sowie als Partner der PDAgroup.
ist Professor und Fachbereichsleiter Management Center Innsbruck (MCI) sowie als Managing Partner der PDAgroup hauptverantwortlich für den Academy Cube.
Die Europäische Kommission rechnet mit mehr als 900.000 fehlenden IT-Fachkräften bis zum nächsten Jahr. Die Initiative „Academy Cube“ soll helfen, diesen Notstand zu mildern.

Um Europa flott und wettbewerbsfähig zu machen, braucht es Maßnahmen, die mit Unterstützung der IT den Industriestandort Europa wieder richtig attraktiv machen. Technologische Innovationen allein reichen dafür aber nicht aus. Europa braucht Talente, die nicht nur gute Ideen haben, sondern diese - insbesondere im Mittelstand - auch umsetzen können.

Fachübergreifende Expertise

Einer der Stolpersteine ist ausgerechnet unser Bildungssystem, das selbst vor größten Herausforderungen steht. Das Bildungssystem adressiert noch weitestgehend klassische Berufsbilder, was in einschlägigen Studienrichtungen und Abschlüssen zum Ausdruck kommt. Ein angehender Ingenieur hat einen ganz anderen Stundenplan als ein Student der Informatik. In den Grundlagen der Mathematik mag sich in den letzten Jahren beispielsweise wenig geändert haben. In der Industrie ist das Gegenteil der Fall. Aufgabenstellungen werden immer komplexer, Lösungen immer anspruchsvoller und sind nur fachübergreifend zu bewältigen. Vieles, was vor kurzem noch Vision war, wird nun im Internet der Dinge zur Wirklichkeit. Doch diese Wirklichkeit erfordert fächerübergreifende Expertise und interdisziplinäre Zusammenarbeit.

Der Academy Cube wurde 2012 von der Softwarefirma SAP und EU-Kommissarin Neelie Kroos als Plattform gegen Jugendarbeitslosigkeit in Europa ins Leben gerufen.
Der Academy Cube wurde 2012 von der Softwarefirma SAP und EU-Kommissarin Neelie Kroos als Plattform gegen Jugendarbeitslosigkeit in Europa ins Leben gerufen.
Foto: Academy Cube

Die wachsende Digitalisierung ist eine große Chance, die Europa seit langer Zeit hatte, um sich wieder Wettbewerbsvorteile zu sichern. Industrie 4.0 ermöglicht Produktivitätssteigerungen, Innovationen über Branchengrenzen hinweg und Wachstum. Europa kann beim reinen Stundenlohn in der Fertigung nicht mit China konkurrieren. Aber wir können einer europäischen Arbeitsstunde wortwörtlich mehr Wert geben, wenn wir Technologie mit in die Gleichung aufnehmen. Unsere Aufgabe in Europa ist es, junge Absolventen der MINT-Fächer mit dem dafür erforderlichen Know-how auszustatten und für die Zukunft zu motivieren.

Punktgenaue Ausbildung

Industrie 4.0 Projekte brauchen neben Spezialisten auch Experten, die integriert denken können, Innovation treiben, Schnittstellen bedienen und Projekte umsetzen können. Dafür ist zusätzliche Ausbildung nötig. Idealerweise aber nicht im Ausmaß eines weiteren Hochschulstudiums, sondern viel kleinteiliger und punktgenauer. Und hier beginnt das Dilemma: Hochschulen können sich einer solchen Kleinteiligkeit nicht unterwerfen, da auch hier der internationale Wettbewerb erheblich ist und internationale Akkreditierungen sowie Rankings einer solchen Ausbildungsstrategie zunächst entgegenstünden. Eine erstklassige Erstausbildung ist nach wie vor von enormer Bedeutung für die EU als Standort.

Und Unternehmen? Wir haben den Eindruck gewonnen, dass nach Bologna die Übersichtlichkeit und das Verständnis für Ausbildungen verloren gegangen sind. Insbesondere der Mittelstand hat kaum Ressourcen, um die Informationsfülle über Ausbildungen entsprechend zu interpretieren und für Wachstum und Innovation zu nutzen.

Initiative gegen Jugendarbeitslosigkeit

Bleiben noch die Absolventen. Diese kommen immer jünger auf den Arbeitsmarkt, haben eine klassische Ausbildung erfahren und bringen meist wenig Praxis und Erfahrung mit. Ob diese die richtigen Stellenausschreibungen finden und sich eingeladen fühlen, mitzumachen bei Europa 4.0? Eher nicht - denn das Informationsdelta dieser drei wesentlichen Gruppen ist erheblich.
Vor diesem Hintergrund wurde vor gut einem Jahr der "Academy Cube" von der Softwarefirma SAP und EU-Kommissarin Neelie Kroes ins Leben gerufen. Der Academy Cube ist die Plattform deutscher IT-Firmen gegen Jugendarbeitslosigkeit in Europa. Die Initiative ist (E)-Learning-Plattform und Stellenbörse zugleich. Interessierte Firmen können sich und ihre Projekte präsentieren und die dafür notwendigen Skills und Fähigkeiten beschreiben.

Das Informationsdelta wird durch entsprechende Algorithmen überbrückt, indem interessierte Kandidaten die fehlenden Skills gleich online erwerben können: Zu jedem Job-Angebot gibt es die passenden - durchaus kleinteiligen und den Produkten und Unternehmen nahe - Kurse. Diese sind fast immer kostenlos und statten potenzielle Bewerber punktgenau mit dem Wissen aus, das für den Job auch tatsächlich in der Praxis gebraucht wird.

SAP gibt Academy Cube an PDAgroup ab

Im April 2014 hat SAP den Academy Cube an die PDAgroup als neutralen Betreiber übergeben. Das international agierende Beratungsunternehmen unterstützt Großunternehmen und seine Partner darin, Leistung durch die richtigen Talente und Fähigkeiten zu steigern. Der Academy Cube bringt Lern- und Ausbildungsinhalte, Karrieremöglichkeiten, Talente und Unternehmen zusammen. Derzeit initiiert die PDAgroup Communities in ganz Europa, um den gesamten europäischen Talent-Pool anzusprechen.

Auf dem Academy Cube haben sich nach rund einem Jahr gut 9000 Akademiker registriert. An der Initiative beteiligten sich Unternehmen wie Microsoft, Accenture und der Autozulieferer Bosch. Heute werden über 750 aktuelle Stellen angeboten. Über 660 Nutzer besuchen die angebotenen Online-Kurse, insgesamt wurden knapp 2000 Kurse gebucht. In den kommenden Jahren rechnen die Betreiber mit bis zu 100.000 Nutzern.