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Die Zukunft von Enterprise Software

Abschied von der zentralistischen Kontrolle

Rüdiger Spies widmet sich als Ind. VP Software Markets beim Analystenhaus PAC überwiegend dem Themenbereichen Enterprise Applications und zugehörige Infrastrukturen. Dazu gehören erweiterte ERP-Systeme (CRM, SCM), Business Analytics (Big Data), Cloud-Technologien, Mobile Technologien und IT-Architekturen. Vor seiner Tätigkeit bei PAC konnte er über 30 Jahre Erfahrung bei anderen Analystenunternehmen (META Group/heute Gartner, Experton, IDC) und Industrieunternehmen (IBM, Informix, GEI-Rechnersystem/heute T-Systems) sammeln. Spies wurde zwei Mal zu den 100 einflussreichsten Persönlichkeiten in der deutschen IT-Szene gewählt und ist als Keynote-Speaker und aus den Medien (z.B. ntv) bekannt. Darüber hinaus ist Rüdiger Spies als Patentanwalt bei LifeTech IP tätig.
Für Enterprise-Software wird es kein zentrales, „allwissendes“ Kontrollsystem mehr geben. Dezentrale Systeme übernehmen die Abarbeitung der Ziele, die das zentrale System vorgibt. Erste Ansätze dazu sind derzeit erkennbar. Mit einer umfassenden technischen Umsetzung sollte bis zum Jahre 2018 gerechnet werden.

Heute steht Enterprise Software für ein allumfassendes System zur Steuerung von Unternehmensprozessen. Angefangen hatte es mit einem einfachen MRP-System, zu dem sich dann Finanz-Software, und HR-Software hinzugesellten. Schon war das ERP-System geboren. Im Laufe der Zeit wurde das Portfolio der ERP-Systeme immer umfangreicher. Es setzte ein Dominoeffekt ein, der immer mehr Komponenten zum Bestandteil von ERP-Systemen machte. Beispiele sind Supply-Chain-Systeme, CRM-Systeme, Maintenance-Management-Systeme und schließlich auch analytische Software.

Letztlich war es ein Prozess, der sich parallel bei Computer-Betriebssystemen vollzog. Auch Betriebssysteme haben immer mehr Funktionen aufgesogen, was sie funktional reicher, aber auch schwerer zu administrieren machte. Fraglich ist also, ob sich dieser Trend fortsetzen wird und muss, d.h., ob Enterprise-Software immer mächtiger und umfangreicher und immer schwerer handhabbar werden wird.

Aus meiner Sicht werden führende ERP-Anbieter (ja, ich nenne sie immer noch so) erkennen, dass das nicht der Weg in die Zukunft sein kann. Denn was sollen die Enterprise-Systeme leisten? Sie sollen eine Organisation mit Hilfsmitteln ausstatten, die es erlauben, das Unternehmen effizient und effektiv zu steuern und einen Mehrwert für die Aktionäre zu erarbeiten.

Weg von militärischen Strukturen

Dabei muss sich die Software den Organisationen anpassen. Die heute erfolgreichen Organisationsformen werden aber nicht mehr in einer Befehl-und-Gehorsam-Mentalität geführt, sondern es wird Eigenverantwortung, Selbstorganisation, flexibles und schnelles Reagieren auf veränderte Marktsituation und Kundenwünsche favorisiert. Teams sollen teilautonom agieren und so potentiell auftretende Fehler schneller ausgleichen. Einige der dazu notwendigen Management-Instrumente heißen beispielsweise Balanced Scorecard, Richtlinien, Motivation, Incentives, Kundennähe, partizipatives Management, 360° Feedback, Führen durch Ziele, Governance, etc.

Mitarbeiter sind also schon lange keine reinen Befehlsempfänger mehr, sondern eigenverantwortlich handelnde Individuen, und die Organisationsform ist weit entfernt von militärischen Strukturen. Wenn also Enterprise-Software die Unternehmensprozesse dieser "loosely-coupled" Unternehmensteile in Zukunft optimal unterstützen will, muss auch die Enterprise-Software sich von der totalen zentralen und zentralistischen Kontrolle verabschieden.

Teilautonome Systeme wie in der Biologie

Es scheint ein Universalgesetz zu sein, dass, je weiter sich Systeme (biologische Systeme, Staaten, Organisationen, Technologien) entwickeln, sich diese immer mehr auf dezentrale Intelligenz verlassen. Konsequenterweise sollte das Gleiche auch für Enterprise-Software gelten.

Einige Beispiele mögen das deutlich machen. Im biologischen Bereich - insbesondere bei den hochentwickelten Säugetieren - übernimmt nicht das zentrale Gehirn die Steuerung aller Organe wie Herz, Leber, Niere etc. Es sind vielmehr selbstregulierende Kreisläufe und Gleichgewichte, die die Funktion innerhalb von Rahmenbedingungen sicherstellen. Auch sensorische Impulse werden nicht alle vom Gehirn verarbeitet. Viele werden direkt im Rückenmark "abgehandelt".

Ein anderes Beispiel sind Roboter: Auch hier würde man nicht auf die Idee kommen, alle Roboter in einer Fertigungshalle und jede Einstellfunktion der Motoren und Pumpen zentral steuern zu wollen. Insbesondere bei Robotern, die mit taktilen Systemen (visuell oder taktil) ausgestattet sind, erfolgt die Verarbeitung lokal. Das Gleiche gilt für autonom fahrende Fahrzeuge. Auch dort wird kein Zentralcomputer die Gesamtsteuerung aller Fahrzeuge übernehmen. Das würde der Idee des autonomen Fahrens auch grundsätzlich zuwiderlaufen.

Man kann verkürzt vielleicht sagen: Je mehr "Intelligenz" in einem System vorhanden ist, desto verteilter organisiert sich diese.

Von der Zentralität zu Dezentralität

Auf Enterprise-Software übertragen bedeutet dies zunächst, dass es kein zentrales, "allwissendes" Kontrollsystem (sprich erweitertes ERP-System), dass alle Teilprozesse bis ins kleinste Detail verwaltet, mehr geben wird. Vielmehr werden "loosely coupled Systems" ihr Spezialgebiet jeweils weitgehend autonom unterstützen.

Vom zentralen System werden Ziele und Rahmenbedingungen (Governance) vorgegeben und dezentrale Systeme übernehmen deren Abarbeitung. Die Kommunikation zwischen den Teilsystemen wird asynchron und Message-basiert sein.

Beispielsweise kann ein Logistikzentrum autonom vom Zentralsystem arbeiten. Das Gleiche gilt für ein Wartungssystem oder Bestellsystem. Die Teilsysteme optieren ihre Funktion nach lokalen Gegebenheiten, die zentral irrelevant sind. Die Geschäftsprozesse organisieren sich über den Informationsfluss.

Neben einem System of Record, das am ehesten die Zentralfunktion darstellen kann und relativ stabil ist, kann sich ein System of Engagement dynamisch nach Marktanforderungen rekonfigurieren. Dies kommt auch einer Netzwerkstruktur von verschiedenen Unternehmen entgegen.

Um im Beispiel zu bleiben, arbeiten Unternehmen oft mit wechselnden Logistikdienstleitern zusammen. Die Kommunikation bzw. der ausgedehnte Geschäftsprozess überspannt nun Unternehmensgrenzen. Micro-Services übernehmen den Austausch der notwendigen Informationen und ein Dienstleister optimiert im Rahmen der Vorgaben der Auftrag-Vergebenden seinen eigenen Betrieb.

Dynamische Anpassung der Prozesse durch Systems of Analytics

Dabei kommt neben dem System of Engagement und dem System of Record eine weitere Komponente in Spiel: das System of Analytics. Dieses tauscht mit den anderen beiden Systemen Informationen aus und liefert Analyse-Services an die beauftragenden Systeme. Auf Grundlage dieser Analyseergebnisse können Geschäftsprozesse und Informationsflüsse dynamisch angepasst werden, ohne dass manuelle Eingriffe erforderlich sind.

Das heißt, dass letztlich das Netzwerk der semiautonomen Services und Funktionen das Gesamtsystem ausmachen wird. Mit anderen Worten: "Das Netzwerk ist das System". Damit gehören monolithische ERP-Strukturen der Vergangenheit an. Dynamische, selbstorganisierende Teilsysteme werden zur Grundlage der Geschäftsprozesse. Unternehmensgrenzen spielen für derartige Systeme kaum mehr eine Rolle. Das gleich gilt für Ländergrenzen und die technische Implementierung. Ob On-Premise, in der Private Cloud oder als Service in der Public Cloud - es werden, egal wo, die autonomen Services erbracht.

Fazit: Die Zukunft von Enterprise Software liegt in autonomen, sich dynamisch innerhalb von Richtlinien rekonfigurierenden Teilsystemen, die nicht mehr über eine zentrale Kontrollinstanz alter Prägung verfügen wird, sondern eine Zentralkomponente hat, die Ziele vorgibt, die dezentral erbracht werden. Erste Ansätze dazu sind derzeit erkennbar. Mit einer umfassenden technischen Umsetzung sollte bis zum Jahre 2018 gerechnet werden.