CMIS

Abschied von Content-Management-Inseln

Martin Ortgies ist Fachjournalist für IT und Telekommunikation.
Der Oasis-Standardisierungsvorschlag Content Management Interoperability Services (CMIS) soll die Grenzen zwischen verschiedenen Content-Repositories überwinden.

In großen Unternehmen sind nicht selten bis zu 30 verschiedene Dokumenten-Management-Systeme (DMS) mit individuellen Client-Anwendungen im Einsatz. In der Folge fehlt häufig die komplette Sicht auf den Kunden, weil die Informationen in voneinander isolierten Repositories und Archiven gesammelt und verwaltet werden. Mit dem 2008 bei der Organization for the Advancement of Structured Information Standards (Oasis) eingereichten Standardisierungsvorschlag CMIS sollen diese Schwachstellen behoben werden, indem ein CMIS-Client mit einer einzigen Abfrage auf alle Repositories zugreifen kann. So die Theorie.

Laut "Banken-IT-Studie 2009" von IDC bezeichnen ein Viertel der Banken die interne Datenqualität als verbesserungsbedürftig. Bisher würden Geschäftschancen verpasst, weil mit inkonsistenten, fehlerhaften oder fehlenden Daten gearbeitet werde. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt Steria Mummert Consulting in einer aktuellen Studie. Das Kundendaten-Management gehöre zu den Dauerbaustellen. Bis zu 20 unterschiedliche Speicherorte für Kundeninformationen seien in vielen Unternehmen keine Seltenheit. Jeder dritte Betrieb in Deutschland investiere deshalb in die Reorganisation bestehender Prozesse, um bis zu 20 Prozent Kosten zu sparen.

Dass in vielen Unternehmen mehrere Dokumenten-Management-Systeme im Einsatz sind, hat gute Gründe. Es sind meistens individuelle Client-Anwendungen, die für spezielle Aufgaben eingesetzt werden, etwa für die Kundeninformationen im Vertrieb, für die technischen Informationen in der Entwicklung oder für Verträge in der Rechtsabteilung. Zusätzlich existieren oft noch weitere Repositories aus Fusionen und Organisationsreformen. In der Folge gibt es immer häufiger Probleme mit unvollständigen, nicht verfügbaren oder veralteten Informationen.

Dabei stellt sich regelmäßig die Frage, ob die isoliert vorgehaltenen Informationen durch Migration der Repositories auf ein einheitliches System zusammengeführt werden sollen. Mit CMIS gäbe es eine Alternative. Die vorhandenen Dokumenten-Management-Systeme könnten weitergenutzt und durch einen CMIS-Client könnte eine Brücke zu den bisher isolierten Informationsinseln gebaut werden.

Die CMIS-Initiative

Die CMIS-Initiative wurde von IBM, EMC und Microsoft ins Leben gerufen und reichte 2008 bei der Oasis eine technische Spezifikation zur Interoperabilität von Content-Management-Systemen (CMS) ein. Ziel der Initiative ist die Bereitstellung eines technischen Rahmens, der den transparenten Zugriff auf Informationen aus verschiedenen Repositories ermöglicht. Dafür wird ein Datenmodell definiert, das regelt, welche Content-Objekte verwaltet und wie auf diese zugegriffen werden kann. CMIS kann daher als standardisierte Schicht zwischen Repositories und Anwendungen im Web verstanden werden.

Noch ist der CMIS-Standard ein Draft in der Version 0.6 und wartet auf seine Verabschiedung. Inzwischen unterstützen ihn über 50 Hersteller, darunter SAP, Oracle, Alfresco Software und OpenText. Es gibt also gute Argumente für den Erfolg des neuen Standards, allerdings auch etliche Kritikpunkte.

Zu den Unwägbarkeiten von CMIS zählt, wann und in welchem Umfang der Standard von der Industrie tatsächlich adoptiert wird. Eine gravierende Kritik äußert Renate Mayer von der fme AG, einem Beratungsunternehmen für Dokumenten-Management: "Das Oasis Technical Committee ist ohne Benutzervertreter und damit völlig herstellergesteuert. Dies nährt den Verdacht, dass CMIS entsprechend den Wünschen der DMS-Hersteller gestaltet wird und nicht auf den Anwendungsfällen der Benutzer basiert." Die Kritik verweist darauf, dass der CMIS-Ansatz eine große Verantwortung auf den Client legt und sich die Hersteller von größeren Anpassungen ihrer DMS befreien, indem sie CMIS wenig vorschreibend gestalten. Dadurch verkomplizieren sich aber die aufrufenden Clients, weil sie auf die sehr unterschiedliche Fähigkeiten der Server entsprechend reagieren müssen.