Anforderungen von Unternehmen

Abschied vom perfekten Bewerber?

Karriere in der IT ist ihr Leib- und Magenthema - und das seit 18 Jahren. Langweilig? Nein, sie endeckt immer wieder neue Facetten in der IT-Arbeitswelt und in ihrem eigenen Job. Sie recherchiert, schreibt, redigiert, moderiert, plant und organisert.
In der Krise musste ein Bewerber alle Anforderungen des Unternehmens erfüllen. Seit die Firmen verstärkt suchen, machen sie auch Zugeständnisse.

Über Kompromisse reden Unternehmensvertreter eigentlich nicht gern. Schon gar nicht, wenn es um die eigene Kompromissfähigkeit hinsichtlich der Ansprüche an neue Mitarbeiter ging. Letztere waren im vergangenen Jahr sehr hoch. Bedingt durch die Wirtschaftskrise stellten die wenigsten Firmen IT-Mitarbeiter in nennenswerter Zahl ein, sondern bauten Arbeitsplätze ab. Diejenigen Betriebe, die noch offene Stellen im Angebot hatten, konnten die Regeln den Bewerbern diktieren. Mittlerweile beginnt sich aber das Blatt zu wenden, die Zahl der offenen Stellen steigt ebenso wie die Kompromissbereitschaft der Firmen.

Marc-Stefan Brodbeck, Deutsche Telekom: "In puncto Fachwissen gehen wir Kompromisse ein, bei der Persönlichkeit aber nicht
Marc-Stefan Brodbeck, Deutsche Telekom: "In puncto Fachwissen gehen wir Kompromisse ein, bei der Persönlichkeit aber nicht

Ein Beispiel ist die Deutsche Telekom. Der Konzern will in diesem Jahr etwa 3000 Positionen besetzen und sucht unter anderem Systementwickler, IT-Projekt-Manager und Systemadministratoren. Marc-Stefan Brodbeck leitet den Recruiting und Talent Service der Telekom und appelliert an die Bewerber, sich nicht von Stellenanzeigen abschrecken zu lassen: "Man kann sich auch bewerben, wenn man die Anforderungen nicht zu 100 Prozent erfüllt." Die Telekom suche eher nach Typen als nach exakten Profilen, so Brodbeck: "In puncto Berufserfahrung und Fachwissen gehen wir Kompromisse ein, bei der Persönlichkeit aber nicht." Dem kann Rudolf Jellinek, Leiter Führungskräfteberatung, Personalbetreuung und -rekrutierung bei der kfw-Bankengruppe, nur zustimmen: "Qualifikation kann man nachholen, Persönlichkeit aber nicht." So verlangt Jellinek von IT-Fachleuten, dass sie nicht nur per Mail, sondern auch im direkten Gespräch kommunizieren können. Sie sollten in der Lage sein, auch komplizierte Sachverhalte ohne Buzz-Wörter zu erklären. Die kfw-Bankengruppe sucht vor allem IT-Experten, die einige Jahre Berufserfahrung und Wissen im Bereich Java, Web-Applikationen und SAP vorzuweisen haben.

Rudolf Jellinek, kfw-Bankengruppe: IT-Fachleute müssen nicht nur per Mail, sondern auch im direkten Gespräch kommunizieren.
Rudolf Jellinek, kfw-Bankengruppe: IT-Fachleute müssen nicht nur per Mail, sondern auch im direkten Gespräch kommunizieren.

Berufseinsteiger braucht dagegen die Prozess- und IT-Beratung Mieschke Hofmann und Partner (MHP) aus Freiberg am Neckar. Laut MHP-Personalchef Christoph Joos sind dort bis zu 70 Prozent der neuen Stellen für Hochschulabsolventen gedacht, Wirtschaftsinformatik und Wirtschaftsingenieurwesen sind die bevorzugten Fachrichtungen. Joos wünscht sich Bewerber, die sich für IT-Beratung in der Automobilbranche begeistern können, diese Affinität sollte sich in entsprechenden Studieninhalten oder Praktika widerspiegeln. Je länger der Studienabschluss zurückliegt, desto weniger spielt er für Joos eine Rolle: "Ab drei Jahren Berufserfahrung zählt nur noch diese."

Informatiker, Naturwissenschaftler und Betriebswirte gehören für Uwe Holländer, Personal-Manager bei der Bayer Business Services GmbH in Leverkusen, zu den bevorzugten Kandidaten für offene IT-Positionen. Dennoch haben auch "Quereinsteiger, die im Herzen Informatiker sind", eine Chance. So arbeite ein ehemaliger Chemielehrer heute bei Bayer als IT-Projektleiter. Auch wenn es im SAP-Umfeld begrenzte Projekte und damit zeitlich befristete Stellen gibt, ist der Konzern laut Holländer an einer langfristigen Zusammenarbeit interessiert: "Wir brauchen Informatiker und Naturwissenschaftler, die 30 Jahre bei uns arbeiten wollen."

Obwohl Unternehmen mehr Bewerbungen erhalten als früher, hat die Wechselbereitschaft im Zuge der Krise eher abgenommen. Das hat zumindest Sven Hauptvogel, Senior Berater bei der Schickler Personalberatung in Hamburg, festgestellt: "Die Kandidaten sind weniger mobil als früher. Sie überlegen sich länger, ob sie ihren bisherigen Job für eine neue Stelle aufgeben sollten." Ein großes Plus sind attraktive Aufgaben, für die manche sogar zu monetären Abstrichen bereit seien. Mehr Gehalt alleine ist allerdings für die wenigsten ein Grund zu wechseln, so Hauptvogel: "Das Gesamtpaket muss stimmen."