76 Millionen Dollar Verlust im vierten Quartal Rekordminus entfacht Geruechte um Borland-Verkauf aufs neue

10.06.1994

FRAMINGHAM (IDG) - Die Borland International Inc. meldet fuer das vierte Quartal 1993/94 einen Verlust von 76 Millionen Dollar. Der Umsatz sank gegenueber dem Vorjahreszeitraum um mehr als die Haelfte auf 51 Millionen Dollar. Fuer das gesamte Geschaeftsjahr belaeuft sich das Minus auf knapp 70 Millionen Dollar. Analysten schliessen jetzt einen baldigen Verkauf der Softwareschmiede nicht mehr aus.

Das schlechte Ergebnis, das nach Borland-Angaben Restrukturierungskosten von 14 Millionen Dollar beruecksichtigt, uebertraf die pessimistischen Prognosen der Analysten bei weitem. Im Vorfeld der dreimal verschobenen Ergebnisveroeffentlichung hatten sie mit Verlusten von 36 Millionen Dollar gerechnet.

Da die Softwareschmiede bereits fuer das erste Quartal des laufenden Geschaeftsjahres Verluste angekuendigt hat und fuer den zweiten Fiskalabschnitt auch keine schwarzen Zahlen versprechen kann, schiessen Geruechte ueber einen moeglichen Verkauf ins Kraut. Selbst Borland-Chef Philippe Kahn raeumte gegen-ueber dem "Wall Street Journal" ein, dass der Verkauf eine "Option" darstelle. Allerdings gibt sich Kahn, dem einige Schuld an der Misere seines Unternehmens angelastet wird, hoffnungsvoll: "Wir koennen Borland aus eigener Kraft erfolgreich machen." Ausserdem muesse das Unternehmen vor einer moeglichen Veraeusserung ohnehin auf Vordermann gebracht werden. Charles Wang, Chef von Konkurrent Computer Associates, dagegen orakelte duester: "Borland ist verloren. Sie haben keine Technologie und keine Fuehrungsriege."

Allerdings teilen die Analysten Wangs Meinung nur bedingt: "Wenn Dbase im zweiten Quartal frueh genug verfuegbar ist, dann koennten sie schwarze Zahlen schreiben", vermutet Michael Wallace, Analyst beim Wall-Street-Broker UBS-Securities. Die Windows-Version der Datenbank ist laut Borland ab dem 28. Juni verfuegbar. Dbase 5.0 fuer DOS soll in der naechsten Woche offiziell angekuendigt werden. In dieses Release, mit dem 32-Bit-Applikationen entwickelt werden koennten, sind nach Angaben des Herstellers objektorientierte Erweiterungen integriert.

"Aber was passiert danach?", formuliert Wallace die Sorgen von Anwendern und Anlegern. Die miserable Finanzsituation erlaube es Borland seiner Meinung nach kaum, mit der Konkurrenz Schritt zu halten. Das wiederum mache die enge Zusammenarbeit mit grossen Anwendungsunternehmen schwierig.

Die gute Technologie der Softwareschmiede stellen die Borland- Kunden nicht in Abrede. Dafuer raeumen sie allerdings der Frage nach der Ueberlebensfaehigkeit des Unternehmens breiten Raum ein. "Wie wollen sie das ohne Finanzmittel schaffen?", fragt Lorrain Junge, bei der Aerospace Corp., El Segundo, fuer PC-Softwareplanung verantwortlich.

Ironischerweise stellen Anwender diese Ueberlegungen vor allem bei Firmen an, die mehr offerieren als blosse PC-Software. Da Borland von der reinen Desktop-Applikationsschiene in den Client-Server- Markt will und sich Unternehmen andient, die eine Upsizing- Strategie verfolgen, werden die Finanzen des Anbieters um so kritischer beaeugt. "Dann sind Unternehmensdaten und Services betroffen", erlaeutert Leo Heile, Chief Information Officer der ITT Corp. in New York. "Was passiert, wenn sie den Support oder die Entwicklung fuer ein Produkt einstellen?" Deshalb zieht Heile Anbieter vor, die ueber genuegend "Geld verfuegen".

Die Schwierigkeiten von Borland raeumt auch der neue Chief Operating Officer, Keith Maib, ein: "Wir muessen liefern. Das ist erst einmal das wichtigste.