Medion wird chinesisch

629 Millionen Euro für Aldi-Lieferanten

01.06.2011
Chinesische Einkaufstour: Der Aldi-Lieferant Medion - bekannt für seine günstigen Elektronikartikel - wird vom chinesischen PC-Spezialisten Lenovo übernommen.

Die Finanzkraft der Investoren aus dem Reich der Mitte ist gewaltig. Der Aldi-Lieferant Medion steht als erstes bekanntes Unternehmen in Deutschland vor einer Übernahme durch chinesische Investoren. Für die Essener zahlt der PC-Spezialist Lenovo aus Hongkong rund 629 Millionen Euro. Alle 1000 Mitarbeiter des deutschen Elektronikspezialisten sollen bleiben dürfen. Medion ist vor allem für seine bei Aldi vertriebenen Computer, Kameras oder Navigationsgeräte bekannt.

Lenovo bietet den Medion-Aktionären 13 Euro je Aktie in bar. Das sind etwa 18 Prozent mehr, als die Aktie am Dienstagabend wert war. Als Reaktion schoss der Kurs der Medion-Aktie bis Mittwochnachmittag um rund 17,5 Prozent in die Höhe.

Lenovos neues Edel-ThinkPad "X1"
Lenovos neues Edel-ThinkPad "X1"
Foto: Lenovo

Die Chinesen haben Erfahrung mit großen Übernahmen: Vor einigen Jahren hatten sie bereits die PC-Sparte des US-Konzerns IBM erworben. Nun wollen sie mindestens 51 Prozent des Medion-Grundkapitals. Die Übernahme sei "ein weiterer mutiger Schritt" zur Umsetzung der langfristigen Lenovo-Strategie, erklärte das Unternehmen. Den eigenen Marktanteil in Deutschland verdoppelt Levono den Angaben zufolge auf 14 Prozent. So wird das Unternehmen hinter HP und Acer zur Nummer drei auf dem PC-Markt in Deutschland.

Medion mit Hauptsitz in Essen hat sich vor allem um die Jahrtausendwende durch billige Computer für die Handelskette Aldi einen Namen gemacht. Nach wie vor ist der Discounter einer der wichtigsten Kunden von Medion, der Marke haftet daher das Discounter-Image an. Das 1983 gegründete und 1998 an die Börse gebrachte Unternehmen schlitterte Mitte des vergangenen Jahrzehnts - unter anderem wegen der hohen Abhängigkeit von Aldi - in eine Krise, von der es sich nur langsam erholt.

Levono hat auf dem Weg zur angestrebten Medion-Mehrheitsübernahme bereits einen großen Schritt gemacht: Der Unternehmensgründer, Mehrheitseigentümer und Vorstandschef Gerd Brachmann nahm das Angebot zu großen Teilen bereits an - er wird laut der Mitteilung knapp 17,75 Millionen Aktien für rund 230,7 Millionen Euro an die Chinesen abgeben. Brachmann erhält 80 Prozent davon in bar und 20 Prozent in Form von Lenovo-Aktien.

"Ich bin stolz, ein wichtiger privater Teilhaber der am schnellsten wachsenden PC-Firma der Welt zu sein", teilte Brachmann mit. Die Übernahme werde die Marktposition von Medion stärken. Die Firmenstruktur in Essen werde beibehalten. Für die 1000 Mitarbeiter im Unternehmen gelte genauso wie für den Hauptsitz Essen eine Bestandsgarantie, sagte Finanzvorstand Christian Eigen der dpa.

Über den ersten Einstieg von Chinesen bei einem bekannten deutschen Unternehmen war angesichts der vollen chinesischen Kassen immer wieder spekuliert worden. So waren Chinesen unter anderem bei Opel und der Dresdner Bank im Gespräch. Aus wirtschaftlichen oder politischen Gründen waren diese Versuche aber gescheitert. Stattdessen kauften sich die Chinesen bei weniger bekannten Unternehmen ein, beispielsweise beim angeschlagenen Autozulieferer SaarGummi oder den Werkzeugmaschinenherstellern Schiess und Waldrich Coburg.

Bei Medion dürfte es jetzt klappen: Der 1984 gegründete und inzwischen weltweit viertgrößte PC-Hersteller Lenovo hat Erfahrung mit Auslandsübernahmen. Bereits 2005 schlug Lenovo spektakulär zu und übernahm die PC-Sparte des amerikanischen IT-Konzerns IBM für 1,75 Milliarden Dollar. Dies war die erste größere Übernahme eines chinesischen Unternehmens in den Vereinigten Staaten. Lenovo will zudem bei der PC-Produktion künftig mit dem japanischen Konzern NEC zusammenarbeiten. Bei seiner Expansion hat Lenovo mächtige Rückendeckung: Hinter dem Konzern steht mit Legend ein vom Staat kontrollierter Großaktionär.

Medion fährt seit langem Milliardenumsätze ein. 2010 setzten die Essener 1,64 Milliarden Euro um, verdienten vor Zinsen und Steuern aber nur 28,1 Millionen Euro. Zum Vergleich: Im Jahr 2003 hatte der Erlös noch knapp drei Milliarden Euro betragen, der Gewinn vor Zinsen und Steuern lag bei 179,9 Millionen Euro. Medion beschäftigte zuletzt etwas mehr als 1000 Mitarbeiter. (dpa/tc)