Studie der Informatik-Training GmbH-spiegelt Ernüchterung wider:

4GLs bislang zu optimistisch eingeschätzt

06.03.1987

MÜNCHEN (qua) - Die überzogenen Erwartungen an Programmiersprachen der vierten Generation (4GL) müssen in der Praxis revidiert werden. Von Branchengurus wie James Martin wurde bislang eine Aufwandsersparnis im Verhältnis 1 zu 10 propagiert (siehe auch Interview auf Seite 7). Demgegenüber ergab eine Studie der Informatik-Training GmbH, Radolfzell, daß die 4GLs den Entwicklern im Durchschnitt nur etwa 40 Prozent der Arbeit abnehmen können.

Für die Analyse standen der Informatik-Training GmbH nach Aussagen von Josef Kraus, DV-Berater bei der Münchner Tochtergesellschaft Plenum Consulting, 112 Fragebögen von Anwendern zur Verfügung Das seien rund 25 Prozent der von Kraus geschätzten 400 bis 500 4GL-Anwender im deutschsprachigen Raum Die Bögen enthalten sieben Fragen unter anderem die nach der tatsächlichen Einsparung an Programmier-Statements gegenüber konventionellen Sprachen wie zum Beispiel Cobol oder PL/1.

Die verschiedenen Programmier-Anwendungen umfaßten dabei drei Bereiche: Organisation neuer Anwendungen, Programmerstellung und -änderung. Bei der Auswertung wurde jeweils der angegebene Programmieraufwand in einer konventionellen Sprache als 100 Prozent gesetzt. Demgegenüber ergab der Einsatz von Sprachen der vierten Generation insgesamt eine durchschnittliche Aufwandsersparnis von 40 Prozent. Bei Routineaufgaben erfordert die Programmierung mit 4GLs gegenüber herkömmlichen Sprachen nicht ganz die Hälfte des Aufwands. Komplexere Aufgaben wie die Organisation neuer Anwendungen sind dagegen auch mit Sprachen der vierten Generation noch aufwendig: Die Ersparnis beträgt kaum 20 Prozent.

Es gibt eine Reihe von unterschiedlichen Interpretationen für den Begriff "4GL", zumal er sowohl für Anwendungsentwicklungs- als auch für Endbenutzersysteme verwendet wird. Um Unklarheiten zu vermeiden, gab die Informatik-Training GmbH deshalb zwei verschiedene Fragebögen aus. Der Bogen, auf dem nach den Entwicklungssystemen gefragt war, enthielt die namentliche Aufzählung von acht konkreten Produkten.

Im einzelnen handelt es sich dabei um "ADF" und "CSP" von der IBM, "ADS/Online" von Cullinet, "Ideal" von ADR, Mantis von Cincom Systems, "Natural" von der Software AG, "Ufo" von Online Software International sowie "Sesam/Drive" von Siemens. Auch abweichende Nennungen waren möglich. Die Auswertung der Fragebögen nahm der Informatik-Training-Geschäftsführer Michael Bauer vor; sie erfolgte einmal generell und zum anderen nach Produkten aufgeschlüsselt.

Am häufigsten kommt "Natural" zum Einsatz; es wurde von knapp 28 Prozent der befragten Anwender genannt. "Mantis" folgt mit über 14 Prozent. Zwischen 6 und 10 Prozent bewegen sich "Sesam/Drive", "Ufo",

"ADS/Online" und "ADF" . Das noch junge "CSP" kann erst auf drei Nennungen, das sind 2,7 Prozent, verweisen. Mit nur zwei Nennungen (1,8 Prozent) bildet "Ideal" das Schlußlicht. Etwa ein Fünftel der Produkte ist der Rubrik "Sonstige" zuzuordnen.

55 Prozent der 4GL-Anwender, so ist der Studie zu entnehmen, haben ihr Produkt bereits länger als zwei Jahre, drei Viertel davon jedoch

noch nicht länger als vier Jahre im Einsatz. Die Mehrzahl der über vier Jahre alten Installationen - 57 Prozent - kann Big Blue für "ADF" verbuchen.

Den relativ höchsten Anteil an jungen Installationen teilen sich "ADS/Online" und "Ufo"; die Installationen dieser Sprachen sind zu 38 Prozent noch kein Jahr alt. Allerdings wurde das Cullinet-Produkt zu einem sehr viel größeren Teil, nämlich bei 62 Prozent der Anwender, schon vor zwei bis vier Jahren eingeführt. Aus diesem Zeitraum datieren auch zwei Drittel der ermittelten "Mantis"-Installationen.

Die Mehrheit der 4GL-Produkte, 87 Prozent, wird im Zusammenhang mit einem Datenbanksystem eingesetzt, über zwei Drittel davon zusätzlich mit konventionellen Dateien. Lediglich "Natural" wird der Umfrage nach für mehr als 90 Prozent aller Anwendungen benutzt - und zwar von sieben der 26 befragten Anwender; 69 Prozent dieser User, nämlich 18, verwenden die Sprache zumindest für über neun Zehntel ihrer Dialoganwendungen.

Keines der anderen Produkte wird den Untersuchungsergebnissen zufolge ähnlich intensiv genutzt. Nur jeweils ein Drittel der "ADF"-, "ADS/ Online"- und "Mantis"-Kunden setzen die Sprache für mindestens 90 Prozent ihrer Dialoganwendungen ein. Für "Ufo" liegt der entsprechende Wert bei 11 Prozent; "Sesam/Drive" verzeichnet hier überhaupt keine Nennungen.

"Mantis" genießt offensichtlich bei den Befragten die größte Akzeptanz: Nur ein Viertel der Anwender klagte über Schwierigkeiten, wobei es sich in allen Fällen um inzwischen auskurierte "Kinderkrankheiten" handelte. Überwiegend problemlos ist anscheinend auch "Sesam/Drive" zu handhaben, selbst wenn 45 Prozent der Benutzer anfänglich weniger gut damit zurechtkamen.

Auch "Natural" wird von über der Hälfte der Befragten als problemlos eingestuft; 9 Prozent haben jedoch Schwierigkeiten damit. Ein ähnliches Bild bietet die "ADS/Online"-Bewertung: Die Hälfte der Anwender hatte keinerlei Schwierigkeiten, 12 Prozent haben mit dem Produkt Probleme. 40 von 100 "Ufo"-Anwendern hatten eigenen Aussagen zufolge keine Schwierigkeiten mit dem Einsatz; aber genauso viele kommen damit immer noch nicht ganz klar. Die Bewertung für "ADF" sieht kaum günstiger aus. Zwar haben nur 29 Prozent akute Probleme, 57 Prozent mußten jedoch zunächst Hindernisse aus dem Weg räumen.

Zwar ergaben sich insbesondere im Hinblick auf die Aufwandseinsparung keine allzu positiven Resultate. Trotzdem waren die befragten Anwender mit den eingesetzten Produkten zufrieden. Die Bewertung folgte einem Kriterienkatalog mit 14 Positionen, für die jeweils Noten von 1 bis 5 verteilt wurden. Das mit durchschnittlich 1,9 am besten bewertete Kriterium ist die Stabilität. Immer noch "befriedigend", wenn auch am schlechtesten, kam die Data-Dictionary-Funktion mit 3,1 im Durchschnitt weg.

Für den scheinbaren Widerspruch zwischen überzogenen Versprechungen und dokumentierter Zufriedenheit mit den 4GL-Produkten hat Kraus eine Erklärung: Die Diskrepanz zwischen Erwartung und Realität habe sich in der DV-Branche inzwischen de facto verringert. Daran sei seine eigene Zunft nicht ganz unschuldig. Berater und Verkäufer hätten die optimistische Prognose des 4GL-Gurus James Martin in den entsprechenden Kontext gestellt: Solch eine Maximal-Forderung könne nur dann erfüllt werden, wenn die gesamte Organisation des Informations-Managements auf die 4GL-Produkte zugeschnitten sei.

Die Ergebnisse der zweiteiligen Umfrage wird Michael Bauer in zwei Seminaren detailliert vorstellen. Den Anfang machen die Anwendungsentwicklungssysteme im Rahmen des halbjährlich stattfindenden Seminars "sprachen der 4. Generation", das demnächst vom 16. bis zum 18. März im Offenburger Dorint-Hotel stattfindet. Unmittelbar daran anschließen soll sich vom 18. bis zum 20. März die Auswertung der Fragebogenaktion zum Thema "Endbenutzer-Systeme".