2007: Business Intelligence und Performance-Management finden zusammen

Sascha Alexander ist Manager Marketing & Kommunikation bei der QUNIS GmbH, Neubeuern, die auf Beratung und Projekte in der Business Intelligence, Big Data und Advanced Analytics spezialisiert ist. Zuvor war der Autor als Director Communications bei den Marktforschungs- und Beratungsunternehmen BARC und PAC tätig. Als ehemaliger Redakteur der COMPUTERWOCHE sowie Gründer und Chefredakteur des Portals und Magazins für Finanzvorstände CFOWORLD verbindet ihn zudem eine lange gemeinsame Zeit mit IDG.
Seine Themenschwerpunkte sind: Business Intelligence, Data Warehousing, Datenmanagement, Big Data, Advanced Analytics und BI Organisation.
Der Markt für Software für Analyse und Reporting boomt. Doch wer die Gewinner unter den Herstellern sein werden, ist offen.

Anbieter von Software für Business Intelligence (BI) und Data Warehousing können sich nicht über schlechte Geschäfte beklagen. Allein im vergangenen Jahr wuchs der weltweite Markt einer Untersuchung von IDC zufolge um über elf Prozent auf 6,2 Milliarden Dollar, und auch für die kommenden Jahre erwarten die Auguren gute Geschäfte. Damit nicht genug, bekamen die Anbieter von den Analysten von Gartner in ihrer diesjährigen Umfrage zu den Investitionsplänen von CIOs zum zweiten Mal in Folge zu hören, dass BI für IT-Entscheider die höchste Priorität genießt. Auf Deutschland bezogen beziffert eine aktuelle Untersuchung des Business Application Research Center (Barc) in Würzburg das Marktvolumen im letzten Jahr auf 606 Millionen Euro (Lizenzen plus jährliche Wartungs- oder Mietgebühren).

Unangefochtene Marktführer für BI und Data Warehousing sind hierzulande laut Barc die Anbieter SAS Institute und SAP, die im vergangenen Jahr mit 83 Millionen beziehungsweise 74 Millionen Euro die bei weitem höchsten Umsätze erzielten. Es folgen sieben Softwarehersteller mit einem Geschäftsvolumen zwischen 20 und 33 Millionen Euro. Zu ihnen zählen neben IBM, Oracle (weltweiter Marktführer für Data-Warehouse-Tools) und Microsoft die großen Business-Intelligence-Spezialisten Cognos, NCR Teradata, Business Objects (in Westeuropa Marktführer) sowie Hyperion (jetzt bei Oracle). Mit einem gewissen Abstand auf Rang 10 folgt der ERP-Anbieter Infor, dessen gute Position sich aus der Übernahme des Anbieters MIS erklärt. Insgesamt tummeln sich hierzulande rund 80 Anbieter im boomenden BI-Markt. Von ihnen haben durchaus einige die Chance, in den nächsten Jahren den Sprung unter die Top Ten zu schaffen, da die Abstände gering sind.

Anspruchsvollere Kundenwünsche

Die Gründe für die gestiegene Nachfrage sind vielfältig. Immer mehr Unternehmen messen einem schnellen Zugriff auf alle relevanten dispositiven (BI) und operativen (Transaktionssysteme) Informationen eine zentrale Bedeutung für den Geschäftserfolg bei. BI-Tools sollen nicht nur das Berichtswesen ordnen, sondern immer öfter auch helfen, die Ursachen und Auswirkungen von Veränderungen in den Geschäftsabläufen zu erkennen und zu erklären. Tiefere und vor allem abteilungsübergreifende Einblicke in die Geschäftslage sind nur möglich, wenn neben Unternehmenssoftware (ERP, CRM, SCM) auch eine solide Infrastruktur für die Datenbewirtschaftung sowie ansprechende und leistungsfähige Analysewerkzeuge vorhanden sind, wie sie derzeit vor allem ein Data Warehouse plus BI-Software verheißt (siehe auch "Business Intelligence: was Unternehmen wirklich brauchen"). Für den Einsatz von BI-Software spricht auch, dass viele Techniken in diesem Umfeld als robust und praxiserprobt gelten. Eine detaillierte und grafisch ansprechende Auswertung sowie die Verteilung formatierter Geschäftsinformationen mit Hilfe von Software für Reporting und Online Analytical Processing (Olap) sind kein Hexenwerk mehr.

Ebenso finden langsam Konzepte eines Corporate-Performance-Management (CPM) Anwendung, also die Verknüpfung und Bewertung strategischer Vorgaben mit den Geschäftsprozessen. Trotz aller Bemühungen von Herstellern und Analysten sowie der wachsenden Zahl spezieller analytischer Anwendungen bleibt CPM bisher weitgehend auf die Finanzabteilung beschränkt (Planung, Budgetierung, Forecast) und wird auch dort selten als CPM bezeichnet. Diverse BI-Hersteller - allen voran Hyperion und Cognos – hatten in den letzten Jahren versucht, sich durch ein Bekenntnis zu CPM und Zukäufe vom Wettbewerb zu differenzieren. So erwarb Business Objects in den letzten zwölf Monaten die CPM-Spezialisten Armstrong Laing (ALG) und Cartesis sowie den Spezialisten für Textanalysen Inxight Software. SAP schluckte die CPM-Anbieter Pilot Software sowie Outlooksoft, Hyperion erwarb Decisioneering, bevor es selbst vor wenigen Monaten in einem Milliarden-Deal an Oracle ging, und Microsoft präsentiert im Herbst den mit viel Vorschusslorbeeren versehenen "Performance Point Server" für CPM.

BI-Tools sollen Prozesse überwachen

Es zeichnet sich ab, dass diese immer schon etwas gezwungene Unterscheidung zwischen CPM-Software und BI-Werkzeugen sich am Markt und bei Kunden nicht durchsetzt, sondern BI und CPM verschmelzen. Das bedeutet nicht, dass CPM der falsche Ansatz sei. Im Gegenteil: CPM im Sinne einer Prozesskontrolle und –optimierung verspricht Unternehmen einen strategischen Mehrwert, den so manche BI-Installation bis heute nicht verschaffen konnte. Immer mehr Marktbeobachter und Anwender fordern, BI-Werkzeuge enger in Geschäftsprozesse (ERP, SCM) und Workflows (Office, Portale) einzubinden (siehe auch "BI ist nicht mehr der Nabel der Welt"). Ein analytischer Blick auf zum Beispiel frühere Umsätze, wie er bisher vorherrscht, reicht künftig nicht mehr. Vielmehr sollen Berichte und Auswertungen schnell oder Event-basierend in die operativen Abläufe einfließen und möglichst vielen Endanwendern (und nicht nur den Analysten) Informationen für ihre tägliche Arbeit liefern.

Angesichts dieser Entwicklung in Richtung eines integrierten analytischen Performance- und Prozess-Managements mehren sich die Stimmen, die keinen Sinn mehr in BI-Software als eigenständiger Produktkategorie sehen. Nach dieser Lesart entwickelt sich BI zu einem funktionalen Infrastrukturbaustein, den große Anbieter von Datenbanken wie IBM, Microsoft und Oracle und von ERP-Software wie SAP natürlich gern ausschließlich in ihren eigenen Produkten sehen möchten. Diesen Bestrebungen halten traditionelle Anbieter entgegen, dass sie über mehr BI-Know-how verfügen und nur mit ihren Produkten eine anwendungs- und plattformübergreifende Datenintegration und -analyse möglich sei. Um dieses Versprechen zu erfüllen, mussten allerdings die meisten Hersteller ihre Produkte in den letzten Jahren modernisieren und über eine standardisierte BI-Infrastruktur zusammenführen (oder sind noch dabei, dies zu tun) (siehe auch "BI-Software ist vielen zu komplex"). Diese Plattformen, die ganz im Trend als Service-orientierte Architekturen (SOAs) bezeichnet werden, sollen auch den Verwaltungs- und Integrationsaufwand für BI-Lösungen reduzieren, machen aber Neuinvestitionen und Nachschulungen nötig (siehe auch (siehe auch den Beitrag "Stammdaten – der Business Case für SOA"). Zudem führen die vielen Übernahmen im BI-Markt dazu, dass Hersteller neuerlich Integrationsprobleme bekommen.

Harter Wettbewerb

Derweil erwarten die Analysten von IDC, dass in zwei Jahren die Nachfrage nach BI-Tools nochmals kräftig steigen wird. Es sei allerdings noch nicht ausgemacht, ob sich das Wachstum allein in den Umsätzen der führenden Hersteller widerspiegeln wird oder ob sich das Einsatzgebiet von BI insgesamt erweitert. So haben vor allem die genannten Softwareanbieter Microsoft, Oracle, IBM und SAP in der letzten Zeit nicht nur durch organisches Wachstum, sondern auch durch Zukäufe ihre Umsatzanteile vergrößert. Oracle beispielsweise kann durch die Übernahme von Hyperion für das Jahr 2006 zusätzliche Einnahmen von etwa 28,5 Millionen Euro in Deutschland melden. Mehr Konkurrenz erwächst den bisherigen BI-Herstellern auch durch Firmen wie Qliktech oder Applix (kürzlich von Cognos gekauft), die mit neuen Ansätzen für die Datenanalyse aufwarten, und von kleineren ERP-Anbietern, die eigene BI-Funktionen entwickeln. Hinzu kommen immer mehr Open-Source-Produkte wie beispielsweise das Eclipse-Projekt Birt oder Pentaho.

Eine Reaktion auf den wachsenden Druck bildet neben neuen Preismodellen (Stichwort: BI für den Mittelstand) die Differenzierung. So sind derzeit eine Fülle neuer Vertriebsansätze und Techniken in der Erprobung, die in den kommenden Jahren das Einsatzgebiet von BI massiv verändern könnten. Beispiele sind BI als Mietsoftware, vorkonfigurierte BI- und Data-Warehouse-Appliances (Hardware plus Software), mobile BI-Lösungen und vor allem der größte Zukunftstrend schlechthin: die Vereinigung von strukturierten und unstrukturierten Daten zwecks Informationsbeschaffung und –analyse, die neuerdings auch als "Content Intelligence" bezeichnet wird. Die Kombination von BI-Produkten und Suchmaschinen sowie Zukäufe oder Investitionen in Techniken für Text-Mining sind die ersten Vorboten (siehe auch den Beitrag "Zweiter Frühling für Data-Mining").