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2003 - das Zittern geht weiter

10.01.2003
Eine wesentliche Aufstockung der zurzeit knappen IT-Budgets ist auch in diesem Jahr nicht in Sicht. CW-Redakteure geben eine Prognose, was die IT dieses Jahr prägen wird.

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Eine wesentliche Aufstockung der zurzeit knappen IT-Budgets ist auch in diesem Jahr nicht in Sicht. Deshalb liegt es nahe, dass viele Anwender großen DV-Projekten weiterhin zurückhaltend gegenüberstehen. CW-Redakteure geben eine Prognose, was die IT dieses Jahr prägen wird.

Der 2002 laut gewordene Ruf nach effizienterer IT, schnellerer Einsatzbereitschaft von neuen Applikationen oder nach einem besser belegbaren Return on Investment (RoI) hat seine Spuren bei den Herstellern hinterlassen. Die Kostenfrage hat schon auf Betriebssystem-Ebene zur Lagerbildung geführt: Linux kontra Windows dürfte zu den interessantesten Entwicklungen dieses Jahres gehören. Dem quelloffenen Betriebssystem wird ein enormes Server-Wachstum bescheinigt, obwohl Analysten die Gesamtkosten der jeweiligen Plattform ungefähr gleichsetzen. Gespannt darf man sein, wie Microsoft auf diese Konkurrenz reagiert. Zur Wahl stehen Korrekturen an dem umstrittenen Modell von Licence 6, neue Bundling-Offerten oder Innovationen bei Datei- und Druckdiensten, den meistgenutzten Server-Funktionen.

Auch die Anbieter kommerzieller Java-Server müssen sich zunehmend auf Open-Source-Alternativen einstellen. Nach dem Siegeszug von Apaches Servlet-Engine "Tomcat" erwächst nun den hochpreisigen J2EE-Implementierungen mit "Jboss" eine ernst zu nehmende freie Konkurrenz. Die Analysten von Forrester bescheinigten der Software die nötige Reife, um in kommerzielle Anwendungen eingebettet werden zu können. Infrastrukturanbieter haben damit einen kostengünstigen Weg, ihr Portfolio zu einer durchgängigen Plattform der Anwendungsentwicklung und -integration auszubauen.

Die in den letzten Jahren immer stärker beachtete Extensible Markup Language (XML) entwickelt sich zu einem Integrations-Standardformat, sei es in den Business-Process-Sprachen der Integrations-Server oder in Brot-und-Butter-Anwendungen wie dem von Microsoft angekündigten Office 11. XML-Fähigkeit ist auch die Voraussetzung, wenn Anwendungen bestimmte Funktionen als Web-Services anbieten oder solche nutzen wollen.

Neben der Orientierung an Internet-Standards zur systemübergreifenden Integration sind die Applikationsanbieter mehr denn je gehalten, schnell lauffähige, prozess- und branchenorientierte Produkte auf den Markt zu bringen. Am Beispiel Customer-Relationship-Management (CRM) wird dies deutlich. CRM-Produkte sollen sich schrittweise und bedarfsgerecht einführen lassen. Technisch kristallisieren sich hier wie auch in anderen Applikationssegmenten zwei Lager heraus: Die einen setzen ihre Produkte auf J2EE auf und verwenden Applikations-Server als Laufzeitumgebung, andere bevorzugen die Microsoft-Plattform und das .NET-Framework.

Mehr Produktivität versprechen auch die Anbieter von System-Management-Lösungen. Hier arbeiten die Hersteller an Lösungen, die sich nicht mehr ausschließlich auf die Leistungskontrolle von Netzen, Geräten und Applikationen beschränken. Die kommende Produktgeneration ist vielmehr darauf ausgerichtet, die Wechselwirkung zwischen den einzelnen Systemkomponenten genauer unter die Lupe zu nehmen und deren Auswirkung auf das operative Geschäft zu messen.

Eine stärkere Orientierung an Prozessen wird es in diesem Jahr bei mobilen Anwendungen geben. Während bislang vorrangig horizontale Applikationen wie E-Mail und Dateitransfer genutzt wurden, rücken jetzt vertikale, durchgängig bis ins Backoffice integrierte Anwendungen in den Vordergrund. Unter Infrastrukturaspekten steht der Einbindung von Außendienstmitarbeitern ins Intranet und die Unternehmens-IT nichts mehr im Wege. Mit dem General Packet Radio Service (GPRS) existiert ein Übertragungsverfahren, das in Deutschland nahezu flächendeckend verfügbar ist und bei Bedarf online den allerdings nicht besonders schnellen Zugang ins Unternehmensnetz ermöglicht.

Stichwort UMTS: Für die vier verbliebenen Netzbetreiber T-Mobile, Vodafone, E-Plus und O2 schlägt dieses Jahr die Stunde der Wahrheit. Nachdem alle aus Technik- und Spargründen den Start ihrer UMTS-Netze von 2002 auf heuer verschoben haben, gibt es jetzt keine Ausreden mehr. Die Lizenzbedingungen schreiben für dieses Jahr zwingend eine Versorgung von 25 Prozent der Bevölkerung vor.

Während sich UMTS also erst noch entwickeln muss, werden Wireless LANs (WLANs) in diesem Jahr ihren Siegeszug fortsetzen. Dabei wird sich erweisen, ob sie als Komplementär- oder Konkurrenztechnik gesehen werden. Jedenfalls dürften die meisten Carrier versuchen, über Roaming-Angebote zwischen UMTS und WLANs den Verkehr im eigenen Netz zu halten. In Unternehmen werden sich WLANs als Alternative zur verkabelten Infrastruktur weiter etablieren.

Während das WLAN-Lager noch mit der Quality of Services und Sicherheitsproblemen kämpft, sind bei Voice over IP (VoIP) die Kinderkrankheiten beseitigt. Dennoch ist auch 2003 nicht mit einem Boom zu rechnen, da Firmen aufgrund der wirtschaftlich schlechten Lage dazu neigen, ihre VoIP-Pläne hintanzustellen.

Konsolidierung mit Server-Blades

Wenn in Zeiten knapper IT-Budgets Projekte angegangen werden, dann vermutlich solche mit starkem Konsolidierungscharakter. Dieser Trend war schon 2002 bei Servern festzustellen und wird sich heuer fortsetzen. Unter räumlichen Aspekten werden Server-Blades zur Konsolidierung beitragen. Die superkompakten Rechner-Boards dürften vor allen Dingen dort, wo es auf CPU-Leistung, nicht aber auf Memory- oder I/O-Bandbreite ankommt, Verbreitung finden. Der richtige Durchbruch der Systeme steht jedoch nicht vor 2004 an, wenn energiesparende und weniger Hitze produzierende Versionen der 64-Bit-CPUs von Intel und AMD am Markt verfügbar sind. Als Konsolidierungsbewegung in Speichernetzen zeichnet sich eine Bewegung weg von teuren Fibre-Channel-Strukturen hin zu IP-basierenden Umgebungen ab. (ue/pg)

Hoffen und Bangen

Wer Ende vergangenen Jahres den Versuch unternahm, halbwegs seriöse Prognosen zur Entwicklung der IT-Industrie für 2003 zu einer Art Gesamtvorschau zusammenzufügen, musste sich vorkommen wie das Kind, das ein altes Puzzle aus der Spielzeugtruhe ausgegraben hat: Viele Teile passen noch ineinander, aber einige wichtige fehlen. Fast alle Marktforscher und Investmentbanker vesuchten, einen (zumindest zarten) Aufschwung herbeizureden. Doch unisono wurde diese Hoffnung mit Einschränkungen verbunden - die anhaltend schwache Konjunktur, mangelnde Reformen der Politik und natürlich der drohende Krieg im Irak. Fest steht nur eines: Die tatsächliche und durchgreifende Wende zum Besseren wurde auf 2004 vertagt.

Wechselbad der Gefühle

Vieles spricht also dafür, dass das eben begonnene Jahr für die IT-Industrie erneut ein Wechselbad der Gefühle bereithalten wird. Der viel zitierte Investitionsstau dürfte sich nur zum Teil auflösen, egal ob die Budgets der Anwender nun um vier, fünf oder sieben Prozent steigen. Anzeichen für eine Marktbelebung gibt es vor allem im ERP-Sektor, wo viele R/3-Kunden vor einem Release-Wechsel stehen. Auch die jüngsten Zahlen und Prognosen von Oracle machen Hoffnung. Im Hardwaregeschäft dürfte sich indes eher die gewohnte Tristesse manifestieren. Wenn PC- und Server-Markt bis Ende 2003 nicht weitere signifikante Einbrüche verzeichnen, wird man dies schon als Erfolg werten müssen. Und hinter dem Mobile Business steht einmal mehr das Fragezeichen UMTS.

Auch bei der Eroberung "neuer Märkte" wird sich die IT-Branche in den kommenden zwölf Monaten schwer tun. Große, bahnbrechende Innovationen sind - Stand heute - Mangelware. Das, was bisher als Blaupausen verfügbar ist (Stichwort: Web-Services), taugt noch nicht für große IT-Projekte. Spannend dürfte insofern allenfalls die Frage sein, ob das mit großen Erwartungen verknüpfte Geschäft mit Mittelstand und E-Government tatsächlich zu einem kräftigen Wachstum führt.

Bescheidenheit ist eine Zier...

Für die Anbieterszene verheißt dies alles nichts Gutes, zumindest aber ein weiteres Jahr der Bescheidenheit. Ein erneuter Shakeout sowie Massenentlassungen sind allerdings nicht zu erwarten. Nach den letzten Rekordverlusten wurden die Kostenstrukturen bei den meisten IT-Anbietern der aktuellen Marktlage "angepasst". Was übrigens auch für die Erwartungen der Analysten gilt. So betrachtet, kann es mit der Umsatz- und Gewinnentwicklung eigentlich nur aufwärts gehen. Trotzdem dürfte es auch 2003 eine Menge schlechter Firmennachrichten geben. Sorgen wird man sich dabei vor allem um den deutschen Softwaremittelstand machen müssen. Dort wirkt vielfach die schlechte Marktlage mit einer drastischen Unterfinanzierung zusammen, weil die Banken unter dem Stichwort Basel II den Geldhahn komplett zudrehen. Viele Branchenkenner befürchten hier deshalb in der ersten Jahreshälfte eine regelrechte Pleitewelle, womit die deutsche IT-Industrie ein spezifisches Strukturproblem mehr hätte. (gh)

IT-Arbeitsmarkt: Es kann nur besser werden

"So ein Jahr möchte ich nicht nochmals erleben" oder "Gott sei Dank, es ist vorbei", solche Aussagen von Geschäftsführern und Personal-Managern waren zum Jahresende die Regel. Man konnte richtig mitfühlen, wenn manch ein Chef zu später Stunde in informeller Runde erzählte, welche schlaflosen Nächte er durchmachte, weil er erstmals Mitarbeiter entlassen musste. Doch manch einer gab auch ehrlich zu, dass diese Krise ebenfalls ihre guten Seiten habe, weil man sich von Mitarbeitern trennen könne, die im Hype der vergangenen Jahre auf die Schnelle eingestellt worden waren.

Die Zahlen sind ernüchternd und frustrierend für jeden Arbeitssuchenden. Die Menge der IT-Jobofferten sank im Jahr 2002 gegenüber dem Vorjahr um fast 70 Prozent, nachdem schon 2001 ein Rückgang um 35 Prozent gegenüber dem Vorjahr zu verzeichnen war. Verdoppelt hat sich innerhalb von weniger als drei Jahren auch die Zahl der arbeitslosen IT-Spezialisten auf fast 70.000.

Noch auf der CeBIT im März vergangenen Jahres ärgerten sich IT-Verbandsfunktionäre über die negativen Schlagzeilen zum Arbeitsmarkt. Sie waren überzeugt, dass spätestens im Herbst wieder der Wettbewerb um die IT-Spezialisten beginnen würde. Daraus wurde bekanntermaßen nichts, im Gegenteil: Noch immer ist nicht klar, ob der Tiefpunkt erreicht ist und wie es weitergeht.

Doch es gibt auch am Arbeitsmarkt Silberstreife am Horizont. Zum Forum Jobs & Karriere der COMPUTERWOCHE auf der CeBIT in Hannover im März haben sich renommierte Großkonzerne wie Audi, BMW, Siemens und Bayer, aber auch dynamische Mittelständler angemeldet; sie alle wollen wieder einstellen, allerdings hoch qualifiziertes Personal. Die Ansprüche der Arbeitgeber an die Kandidaten sind enorm gestiegen, zum Teil müssen Abstriche beim Gehalt hingenommen werden. Davon sollten sich Bewerber nicht abschrecken lassen: Denn gerade in Krisenzeiten ist eine interessante und motivierende Aufgabe allemal wichtiger als eine Gehaltserhöhung. Auch die Möglichkeit, sich regelmäßig weiterzubilden, sollte bei der Jobwahl mehr berücksichtigt werden.

Qualifizierte Mitarbeiter hegen und pflegen

Gleichzeitig werden sich die Unternehmen in diesem Jahr mehr denn je um das Thema Mitarbeiterbindung kümmern. Sie müssen versuchen, die Guten zu halten, denen sie in den letzten Monaten zum Teil Grausamkeiten zugemutet haben. Es gilt zu verhindern, dass diese Leistungsträger gehen, sobald die Konjunktur anzieht. Personaler werden sich verstärkt mit geeigneten Bindungsinstrumenten befassen müssen. Der Chef eines Softwareunternehmens berichtete unlängst, dass seine Mitarbeiter sich immer früher ausgebrannt fühlten und nach drei bis fünf Jahren über eine Auszeit nachdächten. Hoch qualifizierte Mitarbeiter nicht zu verschleißen und im Sinne einer Work-Life-Balance zufrieden zu stellen wird auch Aufgabe der Unternehmen sein. (hk)

Gefragt ist die Quadratur des Kreises

Allmählich mag es niemand mehr hören: Sparen, sparen, sparen - und immer an den Nutzen denken. Was heißt das für die CIOs? Ganz einfach: Sie sollten zwischen dem 29. und 30. Februar 2003 eindreiviertel Semester an der "Hogwarts School of IT and Wizardry" einschieben.

Die Aufgaben der Chief Information Officer erfordern heute Zauberkünste von Harry Potterscher Qualität: Die IT-Budgets sind geschrumpft und verharren auf niedrigem Niveau, doch der unternehmensweite Sparzwang fordert mehr informationstechnische Unterstützung denn je. Die Berater propagieren den strategischen Ansatz und empfehlen gleichzeitig eine Politik der kleinen Schritte. Der Vorstand fordert einen schnellen Return on Investment, will aber keineswegs auf langfristige IT-Planung verzichten.

Hinsichtlich der Kostendämpfung sind die IT-Chefs längst in die Offensive gegangen: Sie verhandeln Dienstleistungs- und Lizenzverträge neu, lagern Leistungen aus, die woanders billiger zu haben sind, oder lassen inhouse realisieren, was früher teuer eingekauft wurde. Sie verschieben nicht dringend notwendige Upgrades und Nice-to-have-Projekte, konsolidieren Rechnerlandschaften, Speicher-Management und Administration, teilen ihre Projekte in überschau- beziehungsweise finanzierbare Einheiten und so weiter.

Doch allmählich sind alle Systeme bereinigt, alle Verträge neu ausgehandelt, alle Einsparmöglichkeiten ausgeschöpft. Jetzt müssen die Unternehmen wieder darüber nachdenken, was sie eigentlich von ihrer IT erwarten und was diese benötigt, um die Erwartungen zu erfüllen. Da wird es uns nicht wundern, wenn wir die guten alten E-Business-Themen wiedersehen - angeführt von Multikanal-Integration und Kundenbindung, elektronischer Beschaffung und Supply-Chain-Management.

Aber was ist mit der Technik? Höchstwahrscheinlich werden wir erleben, wie sich bislang eher privat genutzte Devices - namentlich Mobiltelefone und PDAs - mehr und mehr in die Unternehmenssysteme einfügen. Auf dem Vormarsch ist auch die Open-Source-Software, vor allem auf der Entwicklungs-Tool- und Betriebssystem-Ebene.

Dem jüngsten Schlagzeilenfüller Web-Services hingegen stehen die CIOs mit großem Interesse, aber wenig Implementierungsdrang gegenüber. Das von Gartner so genannte "Gap Year" ist beendet, aber die "Lücke" bei den Anwendern schließt sich nur langsam. Es fehlt nicht nur an Geld, sondern auch an Euphorie; derzeit kühlen die Unternehmen immer noch die Finger, die sie sich im E-Hype verbrannt haben. Andererseits haben viele Anwender im E-Business mittlerweile aus den Fehlern gelernt und wichtige Erfahrungen gesammelt. Das Ende der E-Hysterie und die anschließende Ernüchterung hat ihnen geholfen, das Verhältnis von Aufwand und tatsächlichem Nutzen nüchterner zu beurteilen, so dass sie nun sehr viel besser wissen, wo sich Investititonen rechnen. (qua)

Sorgenkind bleibt das Projektgeschäft

Die IT-Dienstleister stellen keine großen Ansprüche an das Jahr 2003 - Marktforscher, Verbände wie auch die Anbieter selbst erwarten stagnierende Umsätze. Die Optimisten unter den Experten lassen sich zu Prognosen leicht steigender Einnahmen hinreißen, die Pessimisten gehen von einem leicht fallenden Geschäft aus. Unterm Strich bleibt der Eindruck, dass niemand Genaues weiß, weil klare Hinweise auf die künftige Entwicklung fehlen. Man benötigt nicht viel Phantasie, um Entlassungen, Zusammenschlüsse und Geschäftsaufgaben für das kommende Jahr zu prognostizieren.

Dort, wo IT-Gelder freigegeben werden, sehen sich die Dienstleister einem kritischen und kompetenten Auftraggeber gegenüber. Die Anwender achten verstärkt auf die hohe und branchenorientierte Qualifikation der eingesetzten Berater. Die schnelle und nachweisbare Amortisation der Investitionen wird obligatorisch. Nur Anbieter mit Spezialwissen können ihre Honorarvorstellungen durchsetzen.

Die meisten Service-Provider haben bereits im letzten und vorletzten Jahr darauf reagiert, indem sie insbesondere ihre Outsourcing-Aktivitäten verstärkten. Die hohen Erwartungen in die Betriebsdienste wurden allerdings selten erfüllt. Große Auslagerungsprojekte gab es in Deutschland nur vereinzelt, daran wird sich auch in diesem Jahr nichts ändern. (jha)