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15 Jahre digitaler Mobilfunk - das Handy kommt in die Jahre

21.06.2007
Wer erinnert sich nicht mit Schmunzeln an jene Jahre, als man für das Handy noch Muskelkraft benötigte, um es hoch zu wuchten.

Dabei war der "Knochen" des US-Herstellers Motorola mit rund einem halben Kilogramm Gewicht schon ein schlankes Baby im Vergleich zu seinen klobigen und unhandlichen Brüdern der analogen C-Netze. Mit dem Startschuss des digitalen Mobilfunks 1992 kamen die Geräte, die heute nur noch in Technikmuseen zu bestaunen sind oder den Archiven der Betreiber lagern, in Deutschland auf den Markt. Am 30. Juni feiert der digitale Mobilfunk seinen 15. Geburtstag. Das Handy kommt allmählich in die Jahre.

Unter anderem der "Knochen" von Motorola läutete in Deutschland das digitale Mobilfunkzeitalter ein.
Unter anderem der "Knochen" von Motorola läutete in Deutschland das digitale Mobilfunkzeitalter ein.

Alles begann mit gerade einmal 5000 Teilnehmern, zuerst D2-Privat von Mannesmann (heute Vodafone) und wenig später D1, der Telekom-Tochter DeTeMobil. Eigentlich sollte der kommerzielle Startschuss bereits ein Jahr früher fallen, aber es fehlten die Geräte – ähnlich wie eine Dekade später beim Start der neuen Mobilfunkgeneration UMTS. Peter Kespohl, damals Vertriebsingenieur der Telekom und heute rechte Hand von Personalchef Thomas Sattelberger, erinnert sich: "Wir haben damals große C-Netz-Kunden wie Speditionen in Norddeutschland von den Vorzügen des D-Netzes zu überzeugen versucht". Und als dann mehr Geräte verfügbar waren, ging die Post ab.

Schnell kam der digitale Mobilfunk in Fahrt – viel schneller als die Betreiber zu hoffen glaubten. 1994 folgten mit E-Plus und 1998 Viag Interkom (heute O2) zwei weitere Anbieter. Seitdem kämpfen vier Unternehmen auf dem deutschen Markt um Kunden und Anteile am lukrativen Wachstumskuchen: Zwei große mit heute jeweils mehr als 30 Millionen Kunden und zwei kleine mit mehr als zehn Millionen Teilnehmern in ihren Netzen.

Mit dem Start der Handy-Telefonie auf Basis des GSM-Standards begann vor 15 Jahren ein neues Zeitalter der Kommunikation; zunächst für einige Auserwählte, dann für einen Massenmarkt. Zum Durchbruch hatten nach Einschätzung des Telekom-Experten Torsten Gerpott von der Universität Duisburg vor allem die Prepaid-Karten 1997 beigetragen, die ohne Vertragsbindung eine Handynutzung möglich machten. Darüber hinaus warfen die Betreiber im Kampf um die Gunst der Kunden mit den Gerätesubventionen nur so um sich. Mobilfunkgeräte, die eigentlich mehrere Hundert Euro beziehungsweise damals noch D-Mark kosteten, legten die Betreiber bei Vertragsbindung praktisch gratis dazu.

Das analoge C-Netz, das sich vor allem als Autotelefon einen Namen gemacht hatte, erwies sich bald als Auslaufmodell. Gleichwohl war C-Tel noch einige Jahre parallel mit den D-Netzen in Betrieb. Am 31. Dezember 2000 schaltete die Telekom das Netz endgültig ab. Inzwischen stand schon die dritte Mobilfunkgeneration in den Startlöchern. Für die UMTS-Lizenzen hatten wenige Monate zuvor in einer spektakulären Auktion sechs Unternehmen mehr als 50 Milliarden Euro ausgegeben - zwei warfen wenig später das Handtuch.

"Die große Vision zum Netzstart bestand darin, mobiles Telefonieren für breite Bevölkerungsmassen erschwinglich zu machen", schreibt Vodafone in einem Rückblick über die 15-jährige Mobilfunkgeschichte. Die Vision wurde Realität: Statistisch gesehen entfällt heute auf jeden Bundesbürger mehr als eine SIM-Karte. Einschließlich Zweit- und Drittkarten, schätzt der Deutschland-Chef von Vodafone, Friedrich Joussen, besitzen rund 60 Millionen Bundesbürger ein Handy.

Mit der digitalen Technik wurde das Telefonieren mit dem Handy für die Kunden zur wahren Freude. Neben der verbesserten Sprachqualität wird erstmals das Kommunizieren über fremde Netzanbieter vor allem im Ausland (Roaming) möglich. Schon bald wurde neben der Sprachtelefonie der Kurznachrichten-Dienst SMS zu einem Renner des Mobilfunks. Zwar holen die neuen Datendienste auf UMTS-Basis auf, aber SMS macht immer noch den Löwenanteil der Datendienste aus.

Inzwischen hat der Mobilfunk einen hohen Reifegrad erreicht und die Euphorie der Anfangsjahre verdrängt. Die Märkte in Westeuropa sind weitgehend gesättigt, Wachstum ist dort praktisch nur durch Verdrängung möglich. Hinzu kommt ein gnadenloser Preiskampf - ausgelöst vor allem durch Billiganbieter und die staatlich verordnete Absenkungen der Entgelte für die Weiterleitung der Gespräche in andere Netze (Terminierung). Zur Freude der Kunden - für sie wird mobiles Telefonieren immer günstiger. (dpa/tc)